Die Blase auf meiner linken Ferse ist fast verheilt. Zeit ist verstrichen - wie viel genau faellt mir schwer zu sagen. Viel ist passiert. Wir haben Weggefaehrten gefunden, Oli und Nina, sind in ihr Auto und fuer ein paar Tage in ihr Leben eingestiegen, haben auf schnurgeraden, holprigen Strassen die leere Gegend zwischen Rumaenien und Serbien durchquert, mit im Fahrtwind wehenden Haaren und singend zur Musik aus den Lautsprechern. Irgendwann sind wir ueber die Donau gefahren, eine blaue, glitzernde Flaeche, hinter der sich Belgrads Haeuser auf den Huegeln verteilen. Abends streifen wir durch die Strassen, der Sonnenuntergang malt ein leuchtendes Pink auf den Abendhimmel im Westen und die Stadt vibriert. Auf eine echte, ehrliche Weise vibriert sie, Serben flanieren durch die Strassen, die Lebendigkeit der Stadt ist nicht kuenstlich erzeugt. Wir essen ein Cevapci-Sandwich von einem Strassenkiosk - so, stelle ich mir vor, schmeckt der Balkan. Eindeutig nicht schlecht!
Mitten in Belgrad steht ein zerbombtes Gebaeude. Es ist am Stadtplan, den wir im Hostel bekommen haben, rot eingezeichnet. Man kann in die offenen, baufaelligen Stockwerke schauen, Kabel haengen aus den Zwischendecken. Ein Andenken an den Balkankrieg - eine Touristenattraktion. Auf der Strassenseite des Gebaeudes haengt ein riesiges Plakat, das fuer das serbische Heer wirbt, darunter braust der Grossstadtverkehr. Mir ist nicht klar, wie ich denke ueber eine Kriegsruine, die zur Sehenswuerdigkeit wird. Pietaetslos? Einschuechternd? Gewagt? Schliesslich entscheide ich mich - ich finde sie gut. Der Krieg in Serbien war, und seine Folgen sind noch immer Realitaet. Renovieren heisst verdraengen, Verdraengtes wird irgendwann vergessen und wer seine Geschichte vergisst ist gefaehrdet, sie zu wiederholen. Schockieren geht hier wohl ueber renovieren.
Wir bestellen Palacinka abseits der Flaniermeile und trinken einen tuerkischen Kaffee (mit Milch... seltsame Touristen, die wir sind). In Olis Kaffeesud glauben wir den Blick von der Rueckbank eines Autos zu erkennen, Oli faehrt, Nina am Beifahrersitz, vor der Windschutzscheibe etwas, das wir als rumaenisch-serbische Grenzlandschaft und damit als gutes Omen fuer unsere Fahrt deuten. Trotzdem brechen wir natuerlich viel spaeter auf als wir es uns vorgenommen haben, gehen durch den antiquiert wirkenden Bahnhof und ueber eine gruene Metallbruecke. Sie wackelt bei jeder Strassenbahn, die krachend ueber die Donau rumpelt - ein Bild, das vor 20 Jahren wohl kaum anders ausgesehen hat. Das Panorama von dort, das Gefuehl, auf dieser Bruecke zu stehen, mit Blick ueber die Stadt und den Fluss - das ist, wie ich mich an Belgrad erinnern will.
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