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Donnerstag, 2. April 2020

Шумен

музикант къща не храни 


 
Der Straßenmusikant ist wieder da. Er spielt mitten auf dem булевард славянски, wie fast jedes Mal, wenn in Шумен die Sonne scheint. Er sitzt auf einem kleinen Hocker, davor steht ein Aufbau aus einem Gitarrenständer, einem improvisierten Schlagzeug, das er über zwei Pedale mit den Füßen bedient, einem Becher für Münzen, einer Halterung für seine Thermoskanne und einem kleinen Metallxylophon. Stoisch sitzt er und atmet durch das Akkordeon, ein und wieder aus. Die linke Hand spielt unaufhörlich Grundakkorde, die rechte improvisiert dazu eine Melodie, manchmal am Akkordeon, manchmal am Xylophon oder mit der Trompete. 

Seine Augen hinter der Sonnenbrille blicken nach anderswo. Menschen spazieren vorbei, nicken ihm zu, oft fällt eine Münze in den Becher. Niemand ist in Eile. Einige holen sich пица oder катми oder кафе und verweilen eine Zeitlang auf einer der vielen Bänke.
Manchmal bleibt der булевард leer und er spielt einfach weiter. Manchmal unterbricht er ganz plötzlich, um ein paar Worte mit einem Bekannten zu wechseln oder ein kurzes Telefonat zu führen. Ein leichter Wind kommt vom плато und verträgt die Musik. Tauben ziehen vorbei, manchmal, weiter oben, eine Möwe. 

Irgendwann zählt er seine Münzen und holt sich von der Bäckerei gegenüber ein Stück Pizza oder eine баница, die er dann langsam auf einer Bank im Hintergrund seiner Bühne verspeist. Als ein streunender Hund vorbeikommt, hält er inne, genau wie bei seinen übrigen Bekannten. Aus seiner Tasche holt er ein Plastiksäckchen mit abgenagten Knochen und trockenen Brotresten. Mit Schnalzen macht er das Tier, das unbeeindruckt seiner Wege geht, als hätte es eine Besorgung zu machen, auf sich aufmerksam und wirft ihm die Reste in größerem Abstand hin. Der Hund zögert, vorsichtig, misstrauisch vielleicht. Der Musiker sieht ihn an, respektvoll – er nickt ihm zu, wie man einem Kollegen zunickt und der Hund beginnt, die Knochen abzunagen. 

Der Straßenmusikant sieht ihm noch eine Weile zu, dann betritt er seine leere Bühne wieder. Der Wind hebt die Musik auf, er nimmt sie mit sich, er verteilt sie über den булевард und die Stadt. Wie die abgeblätterten Fassaden der Jugendstilhäuser, wie die geblümten Fliesen aus Ziegelstein, wie der kühle Wind vom плато und die fahle Sonne, wie das leerstehende Hotel Central, wie die Tauben und die streunenden Katzen, wie die Menschen und wie die Zeit, die sie haben, sind die Melodien des Straßenmusikanten Teil dieser Stadt.




Donnerstag, 12. März 2020

варна / varna

meergrün (зеленото море)                                                                                                         


Die Möwen kreisen unter den zerrupften Wolken – genau wie ich haben sie wohl nichts Besseres zu tun.
Als ob ich in meinem Leben nicht schon tausend Fotos vom Meer gemacht hätte, denke ich, und mache das tausendunderste. Ich sitze am Tellerrand Europas und schaue darüber hinaus. Dahinter: der Horizont.
Grenzt hier ein Wort an mich, so lass ich’s grenzen.
Täglich grenzen hier in Bulgarien, в България, unzählige Wörter an mich. Sie sind maskiert im kyrillischen Kostüm und weigern sich, von mir erkannt zu werden. Die Laute, die ich höre, zieren sich, sie wollen sich mit den seltsam fremden Zeichen nicht zu einem Sinn verbinden.
Bulgarisch ist eine gedämpfte Sprache. Es ist, als hätte man die Vokale gedrosselt - nicht etwa aus Geiz, sondern vielmehr weil man keine Gründe gefunden hat, unnötig mit ihnen um sich zu werfen. Eine vokalverschwenderische Sprache: das Italienische, immer forte, leidenschaftlich, ein Fluss mit Hochwasser. Das Bulgarische: eher ein kleiner Bach zwischen den grünen Hügeln südlich der Donau, plätschernd, humorvoll, eine schmunzelnde Sprache. Konsonantenreich wie das Deutsche, к und т und п wohin man hört: как, колко mit rollendem l, откъде, после, това. Plosive, an denen nichts Explosives ist und nach denen die Sprache sich selbst den Mund mit Nasalen stopft. само много малко – sehr wenig nur spreche ich Bulgarisch.
Und auch jetzt gerade grenzt das Meer nicht nur bildlich und physisch, sondern auch sprachlich an mich - черно море - das Meer lügt, wenn es sich vorstellt als ein schwarzes. In Wirklichkeit hat es die Farbe des blassblauen, mit Schleierwolken bedeckten Himmels, ein wenig dunkler nur und gemischt mit einer Andeutung von grün, genau wie die Wälder auf den Hügeln der Küste. Eine Vorahnung des Frühlings, пролетта, ein Versprechen vielleicht.
Es gibt hierorts nicht viele grüne Häuser, зелени къщи, aber noch weniger gibt es ein schwarzes Meer. Und es mag zwar umstritten sein, ob es eine böhmische Küste gibt - bei Bulgarien bin ich mir aber sicher genug, um heute der Grünheit des Meeres meinen Glauben zu schenken.
Immer noch kreisen die Möwen, doch wie die Sonnenstrahlen sind es wenige geworden. Ich könnte behaupten, vor mir beginnt der Orient. Möglicherweise habe ich diese Grenze aber auch lange schon überschritten.

Ich kehre dem Meer vorerst den Rücken zu. Die letzte Abendsonne begleitet meinen Weg Richtung Westen, zu meinem Zimmer, моята стая, in Шумен. Wenn ich ankomme, werde ich etwas wie zu Hause sein.






Böhmen liegt am Meer

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

Bin ich's nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich's grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

Bin ich's, so ist's ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehen.

Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen.

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
Zum Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.


Ingeborg Bachmann