In Belgrad haben wir am Markt einen Hund gesehen, einen Golden Retriever, der, die Leine im Maul, sich selbst spazieren gefuehrt hat. Genau so, kommt mir vor, ist es manchmal mit dem Leben. Durch Zufall (oder Fuegung) wollen unsere neuen Freunde Oli und Nina genau die Strecke entlang der Donau zwischen Serbien und Rumaenien fahren, ueber die ich in "Balkanbeat" gelesen habe, die Strecke, die die Reiseschriftsteller Patrick Leigh Fermor (1933) und Michael Obert (2006) beide auf ihrem Weg in den Sueden gewaehlt haben. Dass wir da mitkommen ist natuerlich klar.
We're on the road to nowhere.
Um 15:30 fahren wir in Belgrad los, erst auf der Schnellstrasse, aber bald, bald kommt die erste Abzweigung. Aus den Lautsprechern schallt Bilderbuch, amerikanischer Rock und The Proclaimers, waehrend serbische Huegel, Felder und Wiesen vorbeirasen. Die holprige Strasse schlaengelt sich bergab und wir sehen zum ersten Mal die Donau wieder, gestaut, bevor sie in eine Felsschlucht muendet, deren andere Seite schon Rumaenien ist. Die Brise, die ueber die Donau weht, riecht nach Freiheit, doch wir bleiben nur kurz, um Mitternacht muessen wir in Sofia sein. Der Zeitdruck ist unwirklich, denn mir fehlt das Zeitgefuehl. Wie lange sind Anna und ich schon unterwegs? Seit wann kennen wir Oli und Nina? In welcher Zeitzone befinden wir uns? Ich bin mir unsicher. Es ist egal. Zeit ist, als was wir sie definieren und beim Reisen braucht es keine Definitionen. Wir folgen der Donau in ihren Meandern, alle 15 Minuten bleiben wir stehen - immer folgen noch schoenere Blicke, ist das Abendlicht noch etwas goldener. Was fuer eine Strecke! Jedes Mal, wenn wir kurz pausieren, faehrt derselbe LKW vorbei und zehn Minuten spaeter ueberholen wir ihn wieder. Er hupt, wenn er an uns vorbeifaehrt und wir winken. Irgendwann stehen wir ein paar hundert Meter ueber der Donau, die Sonne strahlt uns waagrecht an, unsere Autotueren stehen weit offen und wir tanzen zur Musik, die auf volle Lautstaerke gedreht ist. Freiheit. Sommer. Jung sein. Und Menschen, mit denen man all das teilen kann. So abgedroschen es klingt - solche Momente sind es, die schlussendlich bleiben.
Viel zu bald geht es weiter, auf der anderen Seite der Donau sieht man eine Stadt - Orsova. Vor 10 Tagen habe ich noch ueber diesen versunkenen und wieder geborgenen Ort an der Donau gelesen, niemand kaeme auf die Idee, nach Orsova zu fahren, einfach so... und doch bin ich jetzt hier und winke der Stadt ueber die Donau hinweg zu. Wenig spaeter fahren wir ueber die Grenzbruecke bei Turnu Severin, nach Rumaenien und der Horizont faerbt sich lila. Mit Serbien lassen wir das Licht und die malerische Landschaft zurueck. Von Turnu Severin sehen wir nur Armut - baufaellige Haeuser, brachliegende, unbewirtschaftete Felder und Muell in allen Formen, der darauf verteilt ist. Dann kommt schwarze Nacht, Scheinwerferkegel auf holprigen Strassen durch endlose Waelder; nachdem wir zwischen Calafat und Vidin (wie die beiden Schriftsteller) erneut die Grenze ueberquert haben ist das, was wir von Bulgarien sehen. Dazu Musik von Olis Band - ueberhaupt, am ganzen Roadtrip, immer irgendeine Art von Musik. Die Zeit vergeht, man nimmt sie uns weg an der Grenze, wir fliegen ueber winzige, bulgarische Kurvenstrassen, Strassenhundeaugen reflektieren rot unser Scheinwerferlicht vom Strassenrand. Einmal springen drei von ihnen auf die Strasse vor unser Auto, stoppen uns bellend und haetten wohl am liebsten die Scheiben eingeschlagen. Wir erschrecken - auch wenn sie zu klein waren, so waren sie in ihrer Wildheit wohl doch die wolfaehnlichsten Tiere, die wir bis jetzt gesehen haben. Bei einem kurzen Stopp mitten im Nichts der bulgarischen Nacht schalten wir die Scheinwerfer aus und es leuchten unendlich viele Sterne, ueber uns das breite Band der Milchstrasse, eine Road to Nowhere, wie unsere. Nach langem bergauf Fahren fuehrt uns die kleine, holprige Strasse nun talwaerts, wir brettern hinunter und singen gegen Dunkelheit und Geschwindigkeit an. Irgendwann - Revolverheld singt gerade "Ich lass fuer dich das Licht an" - taucht unter uns ein Lichtermeer auf. Sofia.
Wir erreichen puenktlich unser Air-B'n'B, sitzen zusammen am Balkon, noch nicht muede, nie richtig muede, zu viele Endorphine. So viel Abenteuer, denke ich, bevor ich endlich einschlafe, passt also in einen einzigen Tag.


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