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Samstag, 13. März 2021

w i e d e r g r ü n

In der grauen Dezemberwüstnis habe ich eine Handvoll Zweige von einem kahlen Kirschbaum abgebrochen, hastig, dass mich keiner sieht bei diesem Gewaltakt. Nach unten an den Fuß des Hügels habe ich sie getragen und dann wieder hinauf in den vierten Stock, ins Dachgeschoß, und unter dem Grau der Dachfenster habe ich sie ins Wasser gestellt, die leblosen Zweige, als hätten sie mich darum gebeten, als könnte ich mir einbilden, sie zu retten vor irgendetwas. Wenn nicht vor dem Grau, das haltlos durch die Fensterscheiben in unsere Küche einfällt an Wintertagen, so zumindest vor der Kälte, die sie ohnehin nicht spürten, nur ich spürte sie, im Gesicht und an meinen klammen, unbeweglichen Fingern.

Natürlich ist nichts passiert.

Die Zweige, gleichmütiger als ich, haben sich ihrem Schicksal, eingeschlossen zu sein in dieser hängenden Wohnung, ergeben. Dort in der Küche sind sie gestanden, unverändert ungerührt, und ich bin gegangen und habe sie zurückgelassen, und vergessen habe ich sie während meiner Abwesenheit, aber selbst das war ihnen vollkommen gleichgültig.

Dann kam ich wieder, es war Ende Jänner, und ich sah die Zweige, und ich erinnerte mich daran, sie vergessen zu haben. Da erkannte ich, dass meine Nachlässigkeit und ich vollkommen unwichtig waren – denn jetzt waren die Zweige voller kleiner, weißer Blüten, und nichts war klarer, als dass sie für niemand anderen blühten als für sich selbst. Monatelang ausgestellt in einem leeren Bierglas an der Kante unserer Küche, die Füße im Wasser, ansonsten losgelöst von ihrem Stamm und ihren Wurzeln und von dem ihnen nachgesagten Zweck, später, im Sommer, Früchte zu tragen. Wie die Sonde eines Raumschiffs im Weltall; so losgelöst, dass ich mich, während ich die Blüten betrachtete, fragte, ob das überhaupt noch etwas war, das ich Kirschbaum nennen durfte (Kirschzweig, dachte ich dann, von Anfang an waren es Kirschzweige; niemand sagt: ich habe ein Stück Kirschbaum mitgebracht, zum vierten Dezember).

Die Blüten sind stehen geblieben als wollten sie um etwas werben, über zwei Wochen, dann, langsam, haben sie zu welken begonnen. Vergilbt waren sie danach – auch das war ihnen egal –, wochenlang. Ab und zu ist trotzdem das ein oder andere grüne Blatt herausgekommen, jedes Mal hat es mich wieder erstaunt, ein bisschen zumindest, im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel; dass diese Zweige so absolut, so ganz und gar nichts brauchen, keinen Boden, keine Nährstoffe, keine Zugehörigkeit, keine Verankerung, dass sie einfach schweben im Wasser in diesem leeren Bierglas, unbehelligt, und dann trotzdem: diese Knospen. Seltsam, habe ich gedacht, manchmal, im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel.

Zeit verging, es blieb Winter, dann war es Winter immer noch, aber anders, und heller, und irgendwann nahm das Helle schleichend überhand. Womöglich habe ich es nur daran gemerkt: dass die Kirschzweige, die vogelfreien, nach drei Monaten der Isolation im Weltraum unserer Küche, dass die schwebenden Kirschzweige am vierten März aufs Neue zu blühen begannen. 

 

 


 

Donnerstag, 2. April 2020

Шумен

музикант къща не храни 


 
Der Straßenmusikant ist wieder da. Er spielt mitten auf dem булевард славянски, wie fast jedes Mal, wenn in Шумен die Sonne scheint. Er sitzt auf einem kleinen Hocker, davor steht ein Aufbau aus einem Gitarrenständer, einem improvisierten Schlagzeug, das er über zwei Pedale mit den Füßen bedient, einem Becher für Münzen, einer Halterung für seine Thermoskanne und einem kleinen Metallxylophon. Stoisch sitzt er und atmet durch das Akkordeon, ein und wieder aus. Die linke Hand spielt unaufhörlich Grundakkorde, die rechte improvisiert dazu eine Melodie, manchmal am Akkordeon, manchmal am Xylophon oder mit der Trompete. 

Seine Augen hinter der Sonnenbrille blicken nach anderswo. Menschen spazieren vorbei, nicken ihm zu, oft fällt eine Münze in den Becher. Niemand ist in Eile. Einige holen sich пица oder катми oder кафе und verweilen eine Zeitlang auf einer der vielen Bänke.
Manchmal bleibt der булевард leer und er spielt einfach weiter. Manchmal unterbricht er ganz plötzlich, um ein paar Worte mit einem Bekannten zu wechseln oder ein kurzes Telefonat zu führen. Ein leichter Wind kommt vom плато und verträgt die Musik. Tauben ziehen vorbei, manchmal, weiter oben, eine Möwe. 

Irgendwann zählt er seine Münzen und holt sich von der Bäckerei gegenüber ein Stück Pizza oder eine баница, die er dann langsam auf einer Bank im Hintergrund seiner Bühne verspeist. Als ein streunender Hund vorbeikommt, hält er inne, genau wie bei seinen übrigen Bekannten. Aus seiner Tasche holt er ein Plastiksäckchen mit abgenagten Knochen und trockenen Brotresten. Mit Schnalzen macht er das Tier, das unbeeindruckt seiner Wege geht, als hätte es eine Besorgung zu machen, auf sich aufmerksam und wirft ihm die Reste in größerem Abstand hin. Der Hund zögert, vorsichtig, misstrauisch vielleicht. Der Musiker sieht ihn an, respektvoll – er nickt ihm zu, wie man einem Kollegen zunickt und der Hund beginnt, die Knochen abzunagen. 

Der Straßenmusikant sieht ihm noch eine Weile zu, dann betritt er seine leere Bühne wieder. Der Wind hebt die Musik auf, er nimmt sie mit sich, er verteilt sie über den булевард und die Stadt. Wie die abgeblätterten Fassaden der Jugendstilhäuser, wie die geblümten Fliesen aus Ziegelstein, wie der kühle Wind vom плато und die fahle Sonne, wie das leerstehende Hotel Central, wie die Tauben und die streunenden Katzen, wie die Menschen und wie die Zeit, die sie haben, sind die Melodien des Straßenmusikanten Teil dieser Stadt.




Donnerstag, 12. März 2020

варна / varna

meergrün (зеленото море)                                                                                                         


Die Möwen kreisen unter den zerrupften Wolken – genau wie ich haben sie wohl nichts Besseres zu tun.
Als ob ich in meinem Leben nicht schon tausend Fotos vom Meer gemacht hätte, denke ich, und mache das tausendunderste. Ich sitze am Tellerrand Europas und schaue darüber hinaus. Dahinter: der Horizont.
Grenzt hier ein Wort an mich, so lass ich’s grenzen.
Täglich grenzen hier in Bulgarien, в България, unzählige Wörter an mich. Sie sind maskiert im kyrillischen Kostüm und weigern sich, von mir erkannt zu werden. Die Laute, die ich höre, zieren sich, sie wollen sich mit den seltsam fremden Zeichen nicht zu einem Sinn verbinden.
Bulgarisch ist eine gedämpfte Sprache. Es ist, als hätte man die Vokale gedrosselt - nicht etwa aus Geiz, sondern vielmehr weil man keine Gründe gefunden hat, unnötig mit ihnen um sich zu werfen. Eine vokalverschwenderische Sprache: das Italienische, immer forte, leidenschaftlich, ein Fluss mit Hochwasser. Das Bulgarische: eher ein kleiner Bach zwischen den grünen Hügeln südlich der Donau, plätschernd, humorvoll, eine schmunzelnde Sprache. Konsonantenreich wie das Deutsche, к und т und п wohin man hört: как, колко mit rollendem l, откъде, после, това. Plosive, an denen nichts Explosives ist und nach denen die Sprache sich selbst den Mund mit Nasalen stopft. само много малко – sehr wenig nur spreche ich Bulgarisch.
Und auch jetzt gerade grenzt das Meer nicht nur bildlich und physisch, sondern auch sprachlich an mich - черно море - das Meer lügt, wenn es sich vorstellt als ein schwarzes. In Wirklichkeit hat es die Farbe des blassblauen, mit Schleierwolken bedeckten Himmels, ein wenig dunkler nur und gemischt mit einer Andeutung von grün, genau wie die Wälder auf den Hügeln der Küste. Eine Vorahnung des Frühlings, пролетта, ein Versprechen vielleicht.
Es gibt hierorts nicht viele grüne Häuser, зелени къщи, aber noch weniger gibt es ein schwarzes Meer. Und es mag zwar umstritten sein, ob es eine böhmische Küste gibt - bei Bulgarien bin ich mir aber sicher genug, um heute der Grünheit des Meeres meinen Glauben zu schenken.
Immer noch kreisen die Möwen, doch wie die Sonnenstrahlen sind es wenige geworden. Ich könnte behaupten, vor mir beginnt der Orient. Möglicherweise habe ich diese Grenze aber auch lange schon überschritten.

Ich kehre dem Meer vorerst den Rücken zu. Die letzte Abendsonne begleitet meinen Weg Richtung Westen, zu meinem Zimmer, моята стая, in Шумен. Wenn ich ankomme, werde ich etwas wie zu Hause sein.






Böhmen liegt am Meer

Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.
Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund.
Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.

Bin ich's nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.

Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich's grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land.

Bin ich's, so ist's ein jeder, der ist soviel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehen.

Zugrund - das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.
Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.
Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe
unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen.

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

Wie Böhmen sie bestand und eines schönen Tags
Zum Meer begnadigt wurde und jetzt am Wasser liegt.

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,

ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch, vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.


Ingeborg Bachmann
 


Freitag, 20. Dezember 2019

dezember / wien

l u x u s g u t

An einem schwarzen Dezemberabend stand ich im Neonlicht eines Supermarktes. Es war ein Freitag, und die Schlange an der Kassa war lang. Zwei Frauen vor mir, eine junge und eine etwas ältere ganz vorne, hinter mir ein Student mit Bierdosen und Chips, ein ungeduldiger Mann, der sich vordrängte, ein Pärchen, zwei junge Mädchen. Die Schlange stockte, nichts bewegte sich. Alle dachten an die zweite Kassa. 

Der Grund für die Unterbrechung des Fließbandes: die erste Frau in der Schlange. Die Kassiererin zog eine große Flasche Eistee, eine Packung Eier, abgepacktes Toastbrot und eine eingedellte Avocado über den Scanner. Sieben Euro fünfunddreißig, sagte sie. Die Frau zählte Centmünzen von einer in die andere Hand. Dann wieder zurück in die erste Hand. Ihr Gesicht, das eingefallen wirkte und abgestumpft, regte sich nicht. Ein kurzes Kopfschütteln, dann sagte sie etwas zur Kassiererin, woraufhin diese nickte, auf den Bildschirm vor ihr tippte und die Avocado auf ein Regal hinter sich legte. Luxusgüter.

Die junge Frau vor mir hatte das Geschehene beobachtet, sie wirkte unruhig, zückte ihre Geldbörse, wollte irgendetwas sagen. Da hatte die andere Frau aber schon ihre Einkäufe und sich selbst zusammengerafft und war durch die automatischen Türen hinaus in die Schwärze gehuscht. Die junge Frau blickte ihr hinterher bezahlte ungeduldig eine Flasche Wein, ein Jogurt und eine Packung Reismilch, dann blickte sie die Kassiererin mit einer plötzlichen Entschlossenheit an. Ich nehm die Avocado auch noch, sagte sie, die da hinten, und deutete auf die eingedellte Frucht. Unwillig scannte die Kassiererin die Avocado zum dritten mal, die junge Frau zahlte und ging, rannte hinaus ohne sich umzublicken. 

Ich beeilte mich ebenfalls zu zahlen und trat kurz nach ihr ins Freie. Sie steckte die Weinflasche in ihre Manteltasche, nestelte an ihrem Radschloss, wobei sie fast den Jogurt fallen gelassen hätte, und radelte los. Fünfzig Meter weiter sah ich den Schatten der anderen Frau, dem sie sich näherte. Kurz bevor sie die andere erreichte sprang sie vom Rad, holte auf, die Avocado in der Hand. Entschuldigung, hörte ich sie sagen, und dann noch einmal, lauter, Entschuldigung. Da drehte sich die andere zerstreut um und sah sie an. Die junge Frau hielt ihr die Avocado hin, wortlos. Sie blickten sich an, blickten auf die Avocado, und auf einmal war das Gesicht der anderen Frau gar nicht mehr eingefallen. Es regte sich, es leuchtete und wurde überdeckt von einem Lächeln, das die Frau auf einmal schön aussehen ließ, und besonders, und stolz. Sie nahm der anderen die Avocado aus der Hand, danke, sagte sie, mit Nachdruck, mit Aufrichtigkeit und mit Wärme, die aus ihren Augen strahlte. Gern, sagte die andere, einen schönen Abend noch, und stieg aufs Rad. 

Wiedersehen, sagten sie beide. Und beiden, als sie sich voneinander wegdrehten, blieb das Lächeln der anderen auf den Lippen hängen.

Sonntag, 29. September 2019

f.reise.in



i n t e r r a i l  2 0 1 9









p r a h a

Ich hörte das Prasseln von Regentropfen auf das Plexiglasdach einer Prager Kavarna. Er höre nur die Musik, meinte Philipp; ob es tatsächlich wieder regne? Aber ja, erwiderte ich, schau doch, man sieht sogar die Tropfen; aber er schien es nicht glauben zu wollen.
Schwere Wolkenteppiche hatten von Süden kommend dunkles Herbstlicht über die Schwüle des Vormittags gebreitet. Langanhaltendes Poltern war über die Stadt gerollt, bevor endlich die ersten Tropfen gefallen waren. Unter einer Brücke auf einer Insel in der Moldau hatten wir einen der heftigeren Regengüsse abgewartet,

// Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund //

bevor wir endlich in diesem Kaffeehaus Schutz gesucht hatten. Philipp deutete auf eine schwarze Tafel an der Wand hinter mir. Malina stand dort. Himbeerlimonade.
Als der Kellner unsere Bestellung brachte, fiel mir das tschechische Wort für Danke wieder nicht ein.

// Grenzt hier ein Wort an mich, so lass ichs grenzen //

Thank you, sagte ich, unzufrieden.
Die linke Wand im Eingangsbereich des Cafés war bedeckt mit Büchern. Ich entdeckte einen Band von Stefan Zweig. Ob sich zwischen all den Konsonanten auch Texte von Kafka befanden, konnte der Kellner mir nicht beantworte.
Irgendwann ließ das Klopfen nach. Unter der Karluv Most flossen langsam graue Wolken dahin, und Reflexionen der Möwen am Himmel zogen wie schwarze Fische hindurch. Nervöse Blitze beleuchteten den Hradschin und wieder krachten Donner wie Paukenschläge. Straßenmusiker mit schwarzen Kapuzen begleiteten sie, und bei jedem Krachen ging ein Raunen durch die bunten Menschengruppen auf der Brücke. Am Rand stehend hörten wir im Gewitterwind nur das gemeinsame Konzert von Straßenmusikanten und Donnerpauken, dazu unter uns das Ballett der Möwenfische. Ich legte eine kleine weiße Muschel an den äußersten Rand des steinernen Brückengeländers und blies darauf, bis sie wie ein Blütenblatt in die dunkle Moldau segelte.

// Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder
und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land //

In der Mitte des Tages hatten wir im luftig hellen Praha 10 ein Schiff entdeckt. Es fuhr stehend in den blassblauen Himmel, der durch das riesige Steuerrad blickte. Das Schiff war eine Kirche und das Steuerrad die Uhr in ihrem schiffsbrückenhaften Aufbau.
Kein Kirchenschiff, sondern eine Schiffskirche, sagte Philipp.

// Und irrt euch hundertmal
wie ich mich irrte, und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal
Wie Böhmen sie bestand, und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde, und jetzt am Wasser liegt. //

Die Tür der Kirche blieb uns verschlossen. Stattdessen folgten wir dem Wink des futuristischen Fernsehturms. Jeden Moment schien er abheben zu wollen wie eine Weltraumrakete aus den Zeiten des Kalten Krieges. Riesige, nackte Kleinkinder aus Metall krochen auf Knien über die Stahlkonstruktion. Es hätten auch Aliens sein können. Mitten einer angenehm ruhigen Wohngegend in Praha 3 stand der Bau. Ein schweigender Hausfriedensbruch. Dafür direkt daneben ein Versuch des ewigen Friedens: der alte jüdische Friedhof. Wie ruht es sich an einem solchen Ort?

// Steinwald, keine vorzüglichen Gräber, nichts zum Hinknien
und für die Blumen nichts. So eng ist dort ein Stein, wie den
andren um den Hals fallend, keiner ohne den andern zu denken,
und für die Lebendigen einen Spaltbreit Durchlass gewährend,
trauerlos, wer den Ausgang erreicht, hat nicht den Tod,
sondern den Tag im Herzen. //

Wir wanderten durch den Steinwald, wenig beachtet schien er zu sein, und vielleicht kam daher sein Ausdruck. Auf den steinernen Tafeln häuften sich wiederum Steine im Angedenken der Toten – auf manchen Gräbern mehr, auf manchen weniger.
Stille und wucherndes Unkraut. Im Hintergrund der Fernsehturm.
Friedhöfe sind doch letztendlich nur für die Überlebenden da, hatte Philipp gemeint. Wie ein Schulterzucken hatte es geklungen. Rund um diesen Ort der Vergangenheit und dessen, was einmal für die Zukunft gestanden hatte, lebten die Menschen Prags in ihren Häusern, die grün waren oder nicht, genauso schulterzuckend vielleicht – als wäre dies der Anblick, den ein Innenhof zu bieten hätte.
 
An einem weiteren Tag, als der Regen nachgelassen hatte, besuchten wir den neuen jüdischen Friedhof. Dort kein Steinwald. Wir, die Lebendigen, schritten über breite Wege, und grau knirschte der Kies unter unseren Füßen. Wir legten eine Muschel zwischen die Steine unter einer Gedenktafel für ermordete jüdische Künstler. Zwei weitere Muscheln legten wir auf Kafkas Grab. Als einziges weit und breit war es nicht von Efeu überwuchert, und sein Name der einzige, vor dem ein Titel prangte. Dr. Franz Kafka. Untreu erschien es mir – untreu, für Kafka. Umschiffbar, diese Untreue, vielleicht nur durch Falschlesen. Dr. Franz Kafka vielleicht in Wahrheit gar nicht Doktor. Vielleicht stattdessen Dichter. Denker. Durchbrecher.
Ein kühler Wind wehte Philipp zum hundertsten Mal die geliehene Kippa vom Kopf. Als wäre sie nur hierfür gemacht: dass der Uneingeweihte sie, wieder und wieder sich bückend, mit der Hand vom Boden aufhebe.
Das war gut, dass wir hier waren, sagte ich, als wir wieder auf der Straße standen und niemals gleiche Straßenbahnen an uns vorbeizogen. 
Philipp lächelte. Wer den Ausgang erreicht, hat nicht den Tod, sondern den Tag im Herzen, sagte er.






(zitiert aus den Gedichten Böhmen liegt am Meer und Jüdischer Friedhof von Ingeborg Bachmann)
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t o r u ń  -  c h e ł m ż a


Ich hörte das Fauchen einer Kakerlake auf der Hand meines polnischen Gastgebers. Do you want to hold it, fragte Wojtek und hielt mir das schwarze, fingergroße Insekt hin. Ich schüttelte den Kopf, streckte dann aber doch die Hand aus, um vorsichtig den glatten Panzer zu berühren, bevor Wojtek das Insekt wieder in die mit einem Netz verschlossene Plastikbox setzte, in der sich noch mindestens zehn seiner Artgenossen befanden. Ich lachte. Moments like this, that’s why I love Couchsurfing, sagte ich. Something like this would never happen in a hostel.

Well, maybe only in a very bad hostel, erwiderte Wojtek mit einem verrutschten Lächeln. Oft schien es mir, als wäre er das Lachen nicht so richtig gewohnt – nicht mehr, vielleicht. Als hätte er es ein wenig verlernt, und als ob er, wenn es doch dazu kam, sich nicht ganz sicher fühlte mit diesen Bewegungen seiner Gesichtsmuskeln.

Wojtek arbeitete im Zoo in Toruń. Er stand kurz vor dem Abschluss seines Masters im Bereich Tierpflege, und in seinem Zimmer hing eine Europakarte mit Nadeln für all die Städte, deren Zoo er bereits besucht hatte. Sein Beruf war seine Leidenschaft. Zögerlich und stolz zugleich zeigte er mir eine Kiste mit Fundstücken, eine Schlangenhaut, ein Haar aus dem Büschel am Ende eines Elefantenschwanzes. Ob ich eine Pfauenfeder wolle, fragte er – er habe ohnehin viel zu viele davon.
Nach vier Jahren des Studentenlebens in Wohngemeinschaften in Bydgoszcz, Gdańsk und Praha wohnte Wojtek nun wieder in seinem Elternhaus bei Chełmża, nicht weit von Torun. Seine Eltern hatten mich polnisch mit drei Wangenküssen begrüßt, und als ich ihr einen Blumenstrauß als Gastgeschenk überreichte, küsste mich Wojteks Mutter gleich noch ein viertes Mal. Basia, danke!, rief sie strahlend, und ich wusste, ich war am richtigen Ort. Soll ich deine Wäsche waschen, fragte Yola mich am Morgen und ergänzte nach einer kurzen Pause lächelnd: Ich freue mich, dass du noch eine Nacht bleiben möchtest!
Das ist das Land, Basia, erklärte sie beim Frühstück und deutete auf die nebligen Felder, die kleinen Landstraßen und die Weite vor den Fenstern des hellen Hauses, während sie mir Tee nachschenkte. Dass ich hier in Polen Basia, als Kurzform für Barbara,  genannt wurde, daran hatte ich mich bereits gewöhnt – bald so sehr, dass es mir richtiger und passender erschien als mein ungekürzter Name. Yola sprach kein Englisch und ihr Deutsch hatte sie lange nicht mehr gebraucht. Neben ihrer Tasse am Frühstückstisch lag ein abgegriffenes Wörterbuch mit braunem Umschlag und abblätternden Goldbuchstaben: Niemicki – Polski, Polski – Niemicki. Ob ich keine Angst hätte, alleine bei fremden Menschen zu übernachten, fragte sie. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass Menschen wie sie und ihre Familie das beste Beispiel dafür waren, dass Angst zu haben sich viel zu selten lohne. Eigentlich nicht, sagte ich stattdessen und hoffte, dass sie den Rest aus meinem Lächeln lesen konnte.

Am Abend meiner Ankunft, nachdem wir von Toruń kommend über eine schnurgerade Landstraße Richtung Westen gefahren waren und der ganze Himmel, der in Polen weiter war als irgendwo sonst, uns entgegen geleuchtet hatte; an diesem Abend nahm Wojtek mich und Dora, seinen Labrador, mit auf eine Spaziergang durch seine Heimatstadt Chełmża. Ich beschloss, den nächsten Vormittag dort zu verbringen. Eine Stadt, die ich niemals gefunden hätte, hätte ich sie gesucht. Eine alte Stadt, viel älter als viele andere Städte in Polen. Eine Stadt direkt an einem See, mit Gassen voller kleiner Piekarnias und Geschäfte, voller Menschen, die sich begegnen, plaudern und ihre Einkäufe erledigen, mit dem ältesten Kirchenchor Polens, mit einem Friedhof, der bunt ist von all den Blumensträußen auf seinen Gräbern, mit einem Namen, der weich klingt wie eine Umarmung, wenn er richtig ausgesprochen wird und mit einem kleinen Tourismusbüro, in das niemand sich jemals verirrt.
Wirklich, hatte Yola gefragt, in Chełmża willst du den Vormittag verbringen? Wird es nicht zu lang sein?

Der Fahrkartenautomat am Bahnhof war kaputt und im Zug nach Toruń bildete sich ganz vorne, beim Schaffner, eine lange Schlange. 2 Zloty 90 Groschen für eine Fahrt durch den Regen, der auf die Ebenen fiel. Der Wind wehte in mir in Toruń ins Gesicht und ich war froh um die Nylonstrumpfhose, die ich in einem der kleinen Geschäfte in Chełmża gekauft und sofort unter meiner Jeans angezogen hatte.
Warum ich sie dort gekauft hätte, fragte mich Wojtek, als ich ihn bei seiner Arbeit im Zoo besuchte, wo ich doch zur großen Drogeriekette am Rand der Stadt hätte gehen können?
Die Erdmännchen, die Emus, die Kängurus und die Lemuren – alle Tiere hoben den Kopf oder kamen zum Zaun gelaufen als ich mit Wojtek vorbeiging. Vorsichtig und gewissenhaft, als hätten sie Angst, etwas fallen zu lassen, nahmen ihm die roten Pandas Apfel- und Karottenstücke aus der Hand. Ob ich wisse, dass weibliche Schleiereulen braun gefleckt seien?, fragte Wojtek. Bei Hedwig sei J. K. Rowling hier wohl ein Fehler unterlaufen, ergänzte er und lächelte verrutscht.
Als ich später, nach einem weiteren Rundgang durch Toruń im verregneten Halbdunkel in Chełmża aus dem Zug stieg, holte er mich mit dem Auto ab. Er habe sowieso etwas bei Lidl zu besorgen, erklärte er und kaufte dort nichts außer einer Flasche Geschirrspülmittel.
Im letzten Licht begleitete ich Yola auf ihrer Runde durch die Felder. Ich mag den Herbst am liebsten, Basia, sagte sie, als der Wind Blätter über den nassen Asphalt jagte.
Vor Wojteks Laptop sitzend tauschten wir Musik: SDM und Slawomir gegen Wanda und Wiener Blond. In dem kleinen Club in Chełmża, dessen Eingang zwischen finsteren Wohnhäusern nur Eingeweihte finden konnten, hatten wir am Vorabend begonnen, über Musik zu sprechen als „Sobie i Wam“ gelaufen war, zweimal hintereinander, als hätte der DJ gemerkt, dass mir das Lied gefiel. Am Heimweg war Wojtek redseliger gewesen als sonst. Das eine polnische Bier hatte genügt; oder vielleicht war es auch einfach die seltsame Unterbrechung seiner Alltage, die mein Besuch bedeutete. Aus einer kleinen Bar schallte laut polnische Partymusik, und diesmal wirkte Wojteks Lachen endlich, als wäre es am richtigen Platz.
Do you like dancing, fragte ich schmunzelnd.
Yes, erwiderte Wojtek. I’m not a good dancer, ergänzte er nach einer kurzen, nachdenklichen Pause, - but I do like dancing.


 




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k ö l n



Ich hörte Orgelspiel, das gedämpft durch eine Seitentür des Kölner Doms nach außen drang. Vor der Tür stand ein Auto, aus dem ein Mann seit einiger Zeit Kiste um Kiste zerrte, um sie direkt vor dem Eingang in Stapeln abzustellen. Wir kamen bereits zum zweiten Mal hier vorbei. Nicht weit entfernt von dem Mann blieben wir erneut stehen und schauten, den Kopf in den Nacken gelegt, an der riesigen Fassade des Doms hoch.
Ich frag jetzt einfach, sagte Anna und ging zu dem Mann, dem wir zweifellos ohnehin bereits aufgefallen waren. Um 22:30 an einem Freitagabend treiben sich selbst vor der größten gotischen Kirche der Welt nicht ganz so viele Menschen herum. Gibt es vielleicht noch eine Möglichkeit, heute den Dom von innen zu sehen, fragte Anna, und wir beide schauten den Mann hoffnungsvoll an. Leider, antwortete er, das sei heute  nicht mehr möglich. Er müsse nur Sachen für das morgige Konzert abladen. Wir nickten, schade, aber das verstehen wir natürlich, sagten wir. Trotzdem blieben wir in der Nähe des Mannes und schauten weiter auf die Kirche. Sie ist so riesig, wiederholten wir, ein bisschen lauter als nötig, das gibt’s doch gar nicht. Sechshundert Jahre lang ist daran gebaut worden, sagte Anna. Was, erwiderte ich ungläubig, 600 Jahre, das kann doch nicht sein, doch wirklich, meinte Anna, schau, von 1248 bis 1880. Wahnsinn, stell dir das einmal vor, wie viele Generationen von Menschen nur an diesem Dom gebaut haben, meinte ich. Ja, und dann noch diese ganzen Details, sagte Anna.
Da meldete sich der Mann zu Wort. Und ihr fahrt also morgen schon, ja? Woher kommt ihr denn? Wien, soso. Na, wenn ihr sonst wirklich keine Gelegenheit bekommt, den Dom von innen zu sehen ... um 23:00 werden wir hier reingelassen. Ihr könnt ja einfach ein paar Kisten schieben und kurz mitkommen.

Gleich kommt einer der Domschweizer, um uns aufzumachen, hatte der Mann gemeint, und 15 Minuten später öffnete sich tatsächlich die riesige Seitentür und wir wurden eingelassen. Bemüht, nicht aufzufallen und nur ja keine Kisten umzuwerfen, betraten wir den Kölner Dom. Ich warf verstohlene Blicke nach oben, rechts, links. Noch beeindruckender, noch mächtiger, noch größer, falls das denn möglich war, erschien die Kirche von innen. So groß, dass man sie mit einem oder auch mit zehn Blicken unmöglich erfassen konnte. Unter den wachsamen Augen der Domschweizer stellten wir die Kisten ab und gerade als wir anfingen, unverhohlen die ganze Mächtigkeit anzustarren, setzte das Orgelspiel wieder ein.
In mäßiger Lautstärke zuerst, als handele es sich um irgendeine Orgel in irgendeiner Kirche. Ein wenig lauter, ein wenig leiser werdend, die Grenzen fast unmerklich austestend im Lauf des Stückes, als ob sie sagen wollte: da ist doch nichts dabei. Nach einiger Zeit aber, als würde ein Windstoß die Musik erfassen und versuchen, sie davonzutragen, wurden die Töne wilder, stärker, entschiedener. Mezzoforte, die großen Pfeifen der Orgel kamen dazu, langsam, aber stetig begann sich all der Raum im Kirchenschiff zu füllen mit Klang. Mehr und mehr, schneller, ungestümer, und irgendwann dann forte, der Raum jetzt voll von Tönen, dass die Luft zu schwingen begann – fast konnte ich es sehen im gedimmten Licht der Leuchten. Schweigend schaute ich in Richtung des riesigen Instrumentes als könnte ich den Klang durch meine Augen aufnehmen. Die Königin der Instrumente, das ist die Orgel, hatte einmal jemand zu mir gesagt, und nirgends war es zweifelloser als hier. Eine letzte Böe, der Schlussakkord, nachhallend in der Leere des Bauwerks; der ganze Dom vielleicht nichts anders als der Korpus dieses Instrumentes. Irgendwann Stille, stiller als zuvor, im Kopf immer noch Nachklang, der Sturm aber weitergezogen.

Als wir wieder am Domplatz standen, nachdem wir vom Domschweizer wieder entlassen worden waren und dem Musikus, der unser Schleuser gewesen war, nochmals gedankt hatten, hielten wir inne. Ist das gerade wirklich passiert, fragte ich, ja, sagte Anna, wir waren gerade im Kölner Dom, wir sind einfach eingeschleust worden und dann waren wir drin. Wir waren im Kölner Dom, wiederholte ich. Wir waren im Kölner Dom und die Orgel hat gespielt.