Auf unserem Balkon riecht es nach Katzenpisse. Anna schreibt auf, dass ich finde, dass es nach Katzenpisse riecht. Am Himmel steht wieder keine einzige Wolke als wir uns auf den Weg ins Zentrum machen und wenige Kilometer vor uns erheben sich die Berge im Sueden der Stadt. Wir gehen vorbei an kleinen Cafes und Geschaeften, Baeume saeumen die Strasse und Strassenbahnen - dieselben Modelle wie in Budapest - rattern vorbei. Eine Kirche kreuzt unseren Weg und wir gehen hinein - sofort fuehle ich mich an Georgien erinnert, ich spuere wieder diese Atmosphaere, die in orthodoxen Kirchen herrscht. Mysthisch, geheimnisvoll, auf eine unerzwungene Art und Weise. In Kirchen wie dieser kann ich, glaube ich, glauben. Drei Kerzen, die ich gekauft habe, werden angezuendet - eine fuer mich, eine fuer Anna und eine fuer unsere Reisegefaehrten. Dass ihre Reise weiterhin gut bleibt, das wuensche ich ihnen. Schnell bekreuzige ich mich dreimal, ungewohnt andersherum, mit drei Fingern, wie ich es in Georgien gelernt habe. Ein Gaesschen fuehrt uns in die Altstadt, die Strassen sind belebt, kleine Geschaefte reihen sich in den Erdgeschossen schoener Altbauten aneinander. Auf einem Platz voller Buecherflohmarktstaende essen wir unser bulgarisches Banica und trinken Ayran dazu. Ich liebe die Atmosphaere dieser Stadt von Beginn an. Wie Wien, nur suedlicher, nein, wie Belgrad, nur unbeschwerter, nein, wie Palermo, nur entspannter. Sofia und ich sind sofort Freundinnen geworden. Wir entziffern die bulgarische Schrift auf dem grossen Gebaeude hinter uns - da hat uns eine Bibliothek gefunden. Wir treten ein, werfen schuechterne Blicke in die grosse Eingangshalle, der Portier freut sich ueber unser Interesse und gibt uns einen leeren Zettel, der uns offenbar Zutritt verschaffen soll. Wir sprechen verschiedene Sprachen, aber wir verstehen uns. Oben im dritten Stock werden wir an das koreanische Zentrum verwiesen, denn dort spricht man Englisch. "Man" ist eine sehr freundliche Bulgarin, sie zeigt uns die Abteilung mit deutschsprachiger Literatur, das Fenster ist offen und ich schaue ueber Daecher und Gassengewir zu den Bergen im Sueden. Sofia zwinkert mir zu. Ich gehe die Stiegen hinunter mit dem Gefuehl, hier richtig zu sein.
Am spaeten Nachmittag treffen wir Oli und Nina. Zielloses Herumwandern fuehrt uns in einen Park, wo Soldaten in leuchtend weissen Uniformen mit roten Schulterplatten zusammenstehen und plaudern. Eine Buehne mit Mikrophonen ist aufgestellt, aus Lautsprechern dringt bulgarische Chormusik. Immer mehr Zuschauer, hauptsaechlich in sehr hohem Alter, trudeln ein und in einiger Entfernung im Gras sitzend beobachten wir, wie ein wichtig aussehender Mann im Anzug die Vizepraesidentin von Bulgarien und offenbar sehr wichtige Priester ankuendigt. Reden werden gehalten, die Geistlichen beten in bulgarischem Singsang, Kraenze werden niedergelegt und wir beobachten all das interessiert, ohne den Hauch einer Ahnung, worum es dabei gehen koennte. Nach dem Auftritt eines Chores machen wir uns schliesslich auf den Weg. Wir holen uns bulgarisches Bier und waehrend die Zeit ungesehen vorbeischleicht reden wir ueber unsere Reise, das Leben und alles andere. Wir spazieren, laufen, balancieren durch die naechtlichen Strassen, wir lachen, wir singen und alles, was nicht hier, nicht jetzt ist, ist irrelevant. In einer Karaokebar unterhalten wir uns mit Ivo, einem Bulgaren, der in Deutschland Informatik studiert um spaeter hier in Bulgarien einen guten Job zu bekommen und um drei Uhr Nachts singen wir zu viert "Junge" von den Aerzten. Umwege, gefuellt mit Liedern, mehrstimmig und aus vollem Hals, fuehren uns irgendwann zurueck zu unserer Wohnung. Es ist spaet, es ist frueh. Aber was ist schon Zeit.
An unserem letzten Vormittag zu viert chauffieren uns unsere Freunde noch auf den Hausberg im Sueden der Stadt. Eine long, winding und aeusserst schlaglochreiche road fuehrt uns auf ueber 1000m, eine Kurve noch, dann mag ich nicht mehr, sagt Oli, da taucht ein kleiner Pavillon mit Blick nach ueberall auf. Wir atmen Hoehenluft und ueberblicken alles. Am liebsten wuerde ich dort bleiben, wandern gehen, home is where the mountains are, aber home ist schliesslich nicht, was ich suche. Am Bahnhof trennen sich dann unsere Wege, die fuenf Tage lang parallel verlaufen sind, sich aber angefuehlt haben wie Monate - oder Sekunden. Wir alle vier haben einen Kloss im Hals - Reisefreundschaften sind etwas ganz, ganz Besonderes. Anna und ich schleichen in gedrueckter Stimmung durch die Strassen, Muedigkeit stellt sich ein und wir reden wenig. Schliesslich landen wir auf je einer Parkbank und schlafen dort eine halbe Stunde im warmen Abendlicht. Katharsis. Danach, wie nach jedem Ende, ein Neubeginn. Unsere letzten Stunden in Sofia kosten wir aus, huepfen durch die Strassen, winken fremden Leuten und als wir am Platz vor der Bibliothek mit meiner Ukulele spielen, gibt uns tatsaechlich jemand zwei Lew. Der Nachtzug nach Thessaloniki faehrt um 23:50. Wir breiten uns in einem der fast schon antiquarischen Abteile aus, der Zug faehrt los und Sofia verschwindet, wie es aufgetaucht ist: als Lichtermeer in schwarzer Nacht.
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