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Montag, 2. April 2018

Auf Frühlingssuche

Es ist Ende März und ein kalter Wind weht durchs Inntal - er verschreckt die ersten wagemutigen Knospen und Blumen, und mit letzter Kraft umklammert der Winter die Berge.
Ich nehme in Innsbruck einen überfüllten Fernbus Richtung Süden, der mich (nach einem Zwischenstopp in Verona) bis nach Siena bringt. In dieser Kleinstadt, die auf einem toskanischen Hügel irgendwo zwischen Florenz und Rom liegt, besuche ich Maria, die momentan dort lebt. Es folgen, in Bildern und Worten, Momentaufnahmen meiner Suche nach dem Frühling.




VERONA


Die Gässchen von Verona leuchten im Abendlicht: die Schönheit des Landes wurde den Gebäuden eingeschrieben und umgekehrt. Sie ruht in der milden Abendluft und sitzt in den warmen Augen der Menschen. Ich finde, ich sollte hier leben, irgendwann. Nichts übertrifft Italien.


































Kaum ein besseres Gefühl, als immer weiter, weiter, weiter Richtung Süden zu fahren. Durch die Schwärze der Nacht, der Straße wie einem Wasserlauf folgend, immer näher zum Sonnenlicht des nächsten Morgens.
Ein Zauber liegt über den Autobahnraststätten in all ihrer Hässlichkeit. Mit Blicken halte ich mich an den Mitreisenden fest, die der Bus mit mir zusammen ausgespuckt hat. Mir fehlt jegliche Orientierung - wir sind irgendwo zwischen Verona und Siena - doch die Luft am Parkplatz riecht schon anders. Sie riecht nach Süden. Ich atme tief ein, bevor ich wieder in den Bus steige, der weiter mit mir durch die schwarze Nacht rumpelt.




SIENA







Dovete guardarla come una cipolla, hat der professore di storia dell'arte über die Wände des Palazzo Pubblico gesagt; strato per strato. Schicht für Schicht, wie eine Zwiebel. Ich bin mit Maria unter den studenti gestanden und habe mit ihnen, zögernd und ehrfürchtig, die alten Mauern berührt. Ich kann nicht verstehen, warum es so etwas in Wien nicht gibt. Warum rafft keine(r) unserer Lehrenden sich je auf, uns Dinge anhand der echten Welt zu erklären?
Ha tutti gli aspetti del marmo, ma é solo una pintura. Nur ein Gemälde. Ceci n'est pas le marbre. Ich bin eingetaucht in la vita senese, auch wenn ich nur die Hälfte der schnellen, teilweise genuschelten Professorenworte verstanden habe. Ich bin untergetaucht - und was wäre das Reisen, ohne sich je die Haare nass zu machen?




 

Ich sitze auf einer Terracottamauer und der Sonnenuntergang über der Porta Camollia beleuchtet warm und rötlich schimmernd die Welt. Die Knospen am Baum vor mir schreien danach, endlich platzen zu dürfen. Primavera in anticipo. Che surreale stare qui - che bellissima surrealtà.




















Auf der Piazza del Campo gibt es in der hintersten Ecke eine kleine, unauffällige Bar, wo der Cappuccino trotz der zentralen Lage nur 1,40€ kostet. Über eine winzige Stiege und durch eine knarrende, niedrige Tür gelangt man auf einen der kleinen Balkone, die entlang der Häuserfassaden die ganze Piazza umspannen. Während des Palio sind diese Plätze unbezahlbar, erzählt mir Maria. Heute aber sind außer uns nur vier andere auf die Idee gekommen, hier ihren caffé zu trinken. Der Himmel ist wolkenlos und die Silhuetten der ziegelfarbenen Häuser und des gestreiften duomo mit seiner runden Kuppel ragen in das strahlende Blau. Menschen wuseln wie Ameisen über die riesige Piazza, die auf allen Seiten von steinernen, eng stehenden Häusern begrenzt wird. Sie wirkt auf mich wie ein ziegelroter Kessel, oder wie der unverhältnismäßig große Innenhof einer mittelalterlichen Burg aus terracotta.
Wir sitzen lange chiaccherando auf dem Balkon, beobachten das Treiben unter uns, und der Cappuccino schmeckt wieder einmal nach dolce vita. Wie seltsam, hier zu sein. Wie seltsam, und wie schön.




















































Dass die Università di Siena anders ist als die Uni Wien, merkt man sofort. Es liegt eine Ruhe über den Gängen, die ich von einer Hochschule so nicht kenne. Überall stehen Tische und Stühle für Studierende, die hier lernen oder arbeiten wollen, und vor den Fenstern liegt so pittoresk die Altstadt von Siena, dass man meinen könnte, es sei nur eine Postkarte, die an den Scheiben klebt.
Ziellos durchwandern wir die Gänge, kommen an einer Tür mit der Aufschrift "Geografia" vorbei und gelangen schließlich zu einem weiteren Fenster, das einen Blick über die Hügellandschaft um Siena bietet. Ich öffne es, strecke den Kopf hinaus, schließe die Augen und höre den Bäumen zu, die im warmen Frühlingswind rauschen.



































Wolkenberge in verschiedenen Nuancen von grau türmen sich über den toskanischen Hügeln. Ein knallblauer, klappriger Peugeot rattert über die gepflasterte Straße. Mir gegenüber steht ein schmales, ockerfarbenes Haus. Seine Fenster sind umrahmt in einem hellen Rotton, die hölzernen Fensterläden, von denen die hellblaue Farbe schon abzublättern beginnt, sind fast alle geschlossen. Drei kleine Rauchfänge und ein schräges Dachfenster durchbrechen das Schichtmuster der braunen, steinernen Dachziegel, und auf einer der Wäscheleinen schaukelt eine dunkelbraune Jacke sanft im leichten Abendwind.
Ich könnte Notizbücher füllen, nur über dieses eine Haus.
So viele alte Häuser in dieser kleinen Straße, so viele kleine Straßen in Siena, so viele faszinierende Städte in der Toskana, und so viele wunderbare Gegenden überall in Italien.
Ich könnte zehn Leben damit verbringen, dieses Land zu erkunden; wie unzählig viele Leben (und wie viele Notizbücher!) bräuchte ich für diese ganze, schöne Welt?