Ich wache auf, weil Anna mich an der Schulter ruettelt - in fuenf Minuten sind wir da. Vor dem Zugfenster Morgengrauen, Rot am Horizont. In Thessaloniki steigen wir in den Bus zum Hostel, aber nach drei Stationen springen wir wieder heraus, denn da ist endlich das Meer. Spiegelglatt liegt es da, blau mit einem Tropfen Rosa, es ist sieben Uhr Morgens, noch ist die Sonne nicht wirklich da. Wir lassen uns auf den Boden am Kai fallen und mit dem Kopf auf unseren Rucksaecken schauen wir. Wir haben es geschafft, wir sind in Griechenland, wir sind am Meer. Hinter uns rauschen Autos vorbei, auf der rechten Seite ragen die Kraene des Hafens in den Morgenhimmel und statt Segelbooten liegen Containerschiffe in der Bucht vor Anker, aber trotzdem ist der Anblick wunderschoen. So schoen ist er, wie es nur das echte Leben sein kann, wenn man gerade genau am richtigen Weg ist. Fuer mich, denke ich, waren diese wirklich richtigen Wege ziemlich oft Reiserouten.
Am Abend, bevor ich zurueck in unser Hostel gehe, steige ich alleine ein paar Stiegen hinauf. Vorher waren wir schon deutlich ueber Meereshoehe und jetzt kann ich nach fuenf Minuten Weg ueber die Daecher all der Haeuschen schauen, die an den Huegeln Thessalonikis kleben, in scheinbarem oder womoeglich auch tatsaechlichem Chaos. Ich setze mich auf eine Mauer, die Sonne verabschiedet sich gerade im Westen, unter mir erst das Haeuser-, dann das wirkliche Meer, erste Lichter beginnen zu leuchten und wieder einmal schaue ich. Kaum jemand, denke ich, kann in diesem Moment einen besseren Ausblick haben als ich. Die Muedigkeit laesst mich fast von meiner Mauer fallen, aber irgendetwas, vielleicht das Abenteuer, haelt mich fest, damit ihc nicht verpasse, wie die Sonne untergeht.
Nach sehr vielen Stiegen und einer Wanderung durch unzaehlige Gaesschen, die in der Mittagshitze brueten, verfolgt von den Blicken griechischer Katzen und vereinzelt auch Menschen erreichen wir eine Kirche. Sie ist aus roten Ziegeln und weissem Marmor gebaut und auch sie blickt von einem Huegel ueber Stadt und Meer unter ihr. Unter den Arkaden vor dem Eingang unterhaelt sich eine herausgeputzte Grossfamilie laut auf Griechisch, reicht ein frisch getauftes Baby herum und macht damit unzaehlige Fotos. Wir stellen uns unauffaellig dazwischen. Hier ist es schattig und die Kronleuchter aus Messing schaukeln im kuehlen Wind, der vom Meer kommt. Noch lange nachdem die Griechen fort sind sitzen wir auf dem kuehlen Boden und schreiben. Ein Priester in schwarzem Kaftan kommt vorbei, gruesst uns, setzt sich in sein Auto und faehrt davon.
Wir kaufen griechischen Ziegenkaese, Oliven, Weintrauben und Brot fuers Abendessen und setzen uns auf denselben Aussichtsplatz wie am Tag zuvor. Dann bemerken wir, dass unser Ziegenkaese Jogurt ist. Wir lassen uns dadurch aber nicht stoeren. Spaeter kaufen wir zwei kleine Weinflaeschchen, setzen uns wieder zwischen Unmengen von Griechen auf den Aussichtsplatz und hoeren waehrend wir trinken mindestens dreimal hintereinander "Griechischer Wein". Um "dann traurig zu werden" oder "zu traeumen von daheim" ist die Aussicht aber viel zu schoen.
VOLOS.
Ein vollgestopfter Stadtbus, ein Sprint und eine zweieinhalbstuendige Busfahrt bringen uns nach Volos, eine kleine Stadt am Meer auf halber Strecke zwischen Thessaloniki und Athen. Am fruehen Abend, nachdem wir der Kuestenstrasse bis zur Ortsgrenze gefolgt sind, sind wir endlich wirklich am Meer. Nach den aufgeschuetteten SAndstraenden im Ort wird die Kueste felsig, alle paar hundert Meter fuehren kleine Stiegen hinunter zu Badeplaetzen. Hier halten sich die Einheimischen auf. Unsere Air-BnB-Gastgeberin hat uns den Tipp gegeben, bis hierher zu gehen und es hat sich gelohnt. Das Meer schaukelt sanft, glitzert in den reflektierten Sonnenstrahlen. Die Felsen, die Luft, das Wasser ist warm, Blautoene von tuerkis bis ultramarin gehen ineinander ueber, verschwimmen, wie am Horizont Himmel, Berge und Meer. Ich lasse mich auf dem Ruecken treiben, ueber mir, um mich alles Blau, ich entspanne alle Muskeln und ueberlasse dem Wasser, das sowieso viel staerker ist als ich, die Kontrolle. Die Wellenkaemme sind wie Scherenschnitte gegen die Sonnenstrahlen, Abendrot kuendigt sich an, als wir auf den noch warmen Felsen sitzen, dann brennen kurz die Berge im Westen und erloeschen sofort wieder, als die Sonne untergeht.
Am naechsten Tag verbringen wir ungefaehr sechs Stunden in einem Cafe an der Hafenpromenade. Mit Blick aufs Meer trinken wir den unvermeidlichen griechsichen Frappee, schreiben, lesen (in meinem Fall passenderweise Hemingways "The Old Man and the Sea") und reden darueber, wie schoen es ist, am Meer zu sein. Gut, dass wir noch einen Tag geblieben sind. Als wir abends noch einmal zu den Felsen gehen, zeigt uns das Meer ein anderes Gesicht - Wellen tuermen sich im Golf von Volos, der genauso gut ein grosser See sein koennte, Muell und Algen schwimmen an der Oberflaeche und brausend rauscht die Gischt ueber ausgewaschene Felsen. Wir gehen nur kurz ins Wasser, die Stimmung ist irgendwie unheimlich, am Horizont ziehen Wolken auf. Das Meer ist nicht gliech das Meer. Das Mittelmeer eifert heute dem wilden Atlantik nach, ist launisch, fluestert uns zischend Worte zu, die wir nicht verstehen - und in diesem Fall liegt das nicht an unseren mangelnden Griechischkenntnissen. If she did wild or wicked things, schreibt Hemingway ueber das Meer, it was because she could not help them. Es scheint, die Flut kommt.

