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Mittwoch, 30. August 2017

Griechenland I

THESSALONIKI.

Ich wache auf, weil Anna mich an der Schulter ruettelt - in fuenf Minuten sind wir da. Vor dem Zugfenster Morgengrauen, Rot am Horizont. In Thessaloniki steigen wir in den Bus zum Hostel, aber nach drei Stationen springen wir wieder heraus, denn da ist endlich das Meer. Spiegelglatt liegt es da, blau mit einem Tropfen Rosa, es ist sieben Uhr Morgens, noch ist die Sonne nicht wirklich da. Wir lassen uns auf den Boden am Kai fallen und mit dem Kopf auf unseren Rucksaecken schauen wir. Wir haben es geschafft, wir sind in Griechenland, wir sind am Meer. Hinter uns rauschen Autos vorbei, auf der rechten Seite ragen die Kraene des Hafens in den Morgenhimmel und statt Segelbooten liegen Containerschiffe in der Bucht vor Anker, aber trotzdem ist der Anblick wunderschoen. So schoen ist er, wie es nur das echte Leben sein kann, wenn man gerade genau am richtigen Weg ist. Fuer mich, denke ich, waren diese wirklich richtigen Wege ziemlich oft Reiserouten.




















Am Abend, bevor ich zurueck in unser Hostel gehe, steige ich alleine ein paar Stiegen hinauf. Vorher waren wir schon deutlich ueber Meereshoehe und jetzt kann ich nach fuenf Minuten Weg ueber die Daecher all der Haeuschen schauen, die an den Huegeln Thessalonikis kleben, in scheinbarem oder womoeglich auch tatsaechlichem Chaos. Ich setze mich auf eine Mauer, die Sonne verabschiedet sich gerade im Westen, unter mir erst das Haeuser-, dann das wirkliche Meer, erste Lichter beginnen zu leuchten und wieder einmal schaue ich. Kaum jemand, denke ich, kann in diesem Moment einen besseren Ausblick haben als ich. Die Muedigkeit laesst mich fast von meiner Mauer fallen, aber irgendetwas, vielleicht das Abenteuer, haelt mich fest, damit ihc nicht verpasse, wie die Sonne untergeht.








Nach sehr vielen Stiegen und einer Wanderung durch unzaehlige Gaesschen, die in der Mittagshitze brueten, verfolgt von den Blicken griechischer Katzen und vereinzelt auch Menschen erreichen wir eine Kirche. Sie ist aus roten Ziegeln und weissem Marmor gebaut und auch sie blickt von einem Huegel ueber Stadt und Meer unter ihr. Unter den Arkaden vor dem Eingang unterhaelt sich eine herausgeputzte Grossfamilie laut auf Griechisch, reicht ein frisch getauftes Baby herum und macht damit unzaehlige Fotos. Wir stellen uns unauffaellig dazwischen. Hier ist es schattig und die Kronleuchter aus Messing schaukeln im kuehlen Wind, der vom Meer kommt. Noch lange nachdem die Griechen fort sind sitzen wir auf dem kuehlen Boden und schreiben. Ein Priester in schwarzem Kaftan kommt vorbei, gruesst uns, setzt sich in sein Auto und faehrt davon.
Wir kaufen griechischen Ziegenkaese, Oliven, Weintrauben und Brot fuers Abendessen und setzen uns auf denselben Aussichtsplatz wie am Tag zuvor. Dann bemerken wir, dass unser Ziegenkaese Jogurt ist. Wir lassen uns dadurch aber nicht stoeren. Spaeter kaufen wir zwei kleine Weinflaeschchen, setzen uns wieder zwischen Unmengen von Griechen auf den Aussichtsplatz und hoeren waehrend wir trinken mindestens dreimal hintereinander "Griechischer Wein". Um "dann traurig zu werden" oder "zu traeumen von daheim" ist die Aussicht aber viel zu schoen.


































VOLOS.

Ein vollgestopfter Stadtbus, ein Sprint und eine zweieinhalbstuendige Busfahrt bringen uns nach Volos, eine kleine Stadt am Meer auf halber Strecke zwischen Thessaloniki und Athen. Am fruehen Abend, nachdem wir der Kuestenstrasse bis zur Ortsgrenze gefolgt sind, sind wir endlich wirklich am Meer. Nach den aufgeschuetteten SAndstraenden im Ort wird die Kueste felsig, alle paar hundert Meter fuehren kleine Stiegen hinunter zu Badeplaetzen. Hier halten sich die Einheimischen auf. Unsere Air-BnB-Gastgeberin hat uns den Tipp gegeben, bis hierher zu gehen und es hat sich gelohnt. Das Meer schaukelt sanft, glitzert in den reflektierten Sonnenstrahlen. Die Felsen, die Luft, das Wasser ist warm, Blautoene von tuerkis bis ultramarin gehen ineinander ueber, verschwimmen, wie am Horizont Himmel, Berge und Meer. Ich lasse mich auf dem Ruecken treiben, ueber mir, um mich alles Blau, ich entspanne alle Muskeln und ueberlasse dem Wasser, das sowieso viel staerker ist als ich, die Kontrolle. Die Wellenkaemme sind wie Scherenschnitte gegen die Sonnenstrahlen, Abendrot kuendigt sich an, als wir auf den noch warmen Felsen sitzen, dann brennen kurz die Berge im Westen und erloeschen sofort wieder, als die Sonne untergeht.
Am naechsten Tag verbringen wir ungefaehr sechs Stunden in einem Cafe an der Hafenpromenade. Mit Blick aufs Meer trinken wir den unvermeidlichen griechsichen Frappee, schreiben, lesen (in meinem Fall passenderweise Hemingways "The Old Man and the Sea") und reden darueber, wie schoen es ist, am Meer zu sein. Gut, dass wir noch einen Tag geblieben sind. Als wir abends noch einmal zu den Felsen gehen, zeigt uns das Meer ein anderes Gesicht - Wellen tuermen sich im Golf von Volos, der genauso gut ein grosser See sein koennte, Muell und Algen schwimmen an der Oberflaeche und brausend rauscht die Gischt ueber ausgewaschene Felsen. Wir gehen nur kurz ins Wasser, die Stimmung ist irgendwie unheimlich, am Horizont ziehen Wolken auf. Das Meer ist nicht gliech das Meer. Das Mittelmeer eifert heute dem wilden Atlantik nach, ist launisch, fluestert uns zischend Worte zu, die wir nicht verstehen - und in diesem Fall liegt das nicht an unseren mangelnden Griechischkenntnissen. If she did wild or wicked things, schreibt Hemingway ueber das Meer, it was because she could not help them. Es scheint, die Flut kommt.



































Samstag, 26. August 2017

Bulgarien

SOFIA.

Auf unserem Balkon riecht es nach Katzenpisse. Anna schreibt auf, dass ich finde, dass es nach Katzenpisse riecht. Am Himmel steht wieder keine einzige Wolke als wir uns auf den Weg ins Zentrum machen und wenige Kilometer vor uns erheben sich die Berge im Sueden der Stadt. Wir gehen vorbei an kleinen Cafes und Geschaeften, Baeume saeumen die Strasse und Strassenbahnen - dieselben Modelle wie in Budapest - rattern vorbei. Eine Kirche kreuzt unseren Weg und wir gehen hinein - sofort fuehle ich mich an Georgien erinnert, ich spuere wieder diese Atmosphaere, die in orthodoxen Kirchen herrscht. Mysthisch, geheimnisvoll, auf eine unerzwungene Art und Weise. In Kirchen wie dieser kann ich, glaube ich, glauben. Drei Kerzen, die ich gekauft habe, werden angezuendet - eine fuer mich, eine fuer Anna und eine fuer unsere Reisegefaehrten. Dass ihre Reise weiterhin gut bleibt, das wuensche ich ihnen. Schnell bekreuzige ich mich dreimal, ungewohnt andersherum, mit drei Fingern, wie ich es in Georgien gelernt habe. Ein Gaesschen fuehrt uns in die Altstadt, die Strassen sind belebt, kleine Geschaefte reihen sich in den Erdgeschossen schoener Altbauten aneinander. Auf einem Platz voller Buecherflohmarktstaende essen wir unser bulgarisches Banica und trinken Ayran dazu. Ich liebe die Atmosphaere dieser Stadt von Beginn an. Wie Wien, nur suedlicher, nein, wie Belgrad, nur unbeschwerter, nein, wie Palermo, nur entspannter. Sofia und ich sind sofort Freundinnen geworden. Wir entziffern die bulgarische Schrift auf dem grossen Gebaeude hinter uns - da hat uns eine Bibliothek gefunden. Wir treten ein, werfen schuechterne Blicke in die grosse Eingangshalle, der Portier freut sich ueber unser Interesse und gibt uns einen leeren Zettel, der uns offenbar Zutritt verschaffen soll. Wir sprechen verschiedene Sprachen, aber wir verstehen uns. Oben im dritten Stock werden wir an das koreanische Zentrum verwiesen, denn dort spricht man Englisch. "Man" ist eine sehr freundliche Bulgarin, sie zeigt uns die Abteilung mit deutschsprachiger Literatur, das Fenster ist offen und ich schaue ueber Daecher und Gassengewir zu den Bergen im Sueden. Sofia zwinkert mir zu. Ich gehe die Stiegen hinunter mit dem Gefuehl, hier richtig zu sein.
Am spaeten Nachmittag treffen wir Oli und Nina. Zielloses Herumwandern fuehrt uns in einen Park, wo Soldaten in leuchtend weissen Uniformen mit roten Schulterplatten zusammenstehen und plaudern. Eine Buehne mit Mikrophonen ist aufgestellt, aus Lautsprechern dringt bulgarische Chormusik. Immer mehr Zuschauer, hauptsaechlich in sehr hohem Alter, trudeln ein und in einiger Entfernung im Gras sitzend beobachten wir, wie ein wichtig aussehender Mann im Anzug die Vizepraesidentin von Bulgarien und offenbar sehr wichtige Priester ankuendigt. Reden werden gehalten, die Geistlichen beten in bulgarischem Singsang, Kraenze werden niedergelegt und wir beobachten all das interessiert, ohne den Hauch einer Ahnung, worum es dabei gehen koennte. Nach dem Auftritt eines Chores machen wir uns schliesslich auf den Weg. Wir holen uns bulgarisches Bier und waehrend die Zeit ungesehen vorbeischleicht reden wir ueber unsere Reise, das Leben und alles andere. Wir spazieren, laufen, balancieren durch die naechtlichen Strassen, wir lachen, wir singen und alles, was nicht hier, nicht jetzt ist, ist irrelevant. In einer Karaokebar unterhalten wir uns mit Ivo, einem Bulgaren, der in Deutschland Informatik studiert um spaeter hier in Bulgarien einen guten Job zu bekommen und um drei Uhr Nachts singen wir zu viert "Junge" von den Aerzten. Umwege, gefuellt mit Liedern, mehrstimmig und aus vollem Hals, fuehren uns irgendwann zurueck zu unserer Wohnung. Es ist spaet, es ist frueh. Aber was ist schon Zeit.






































An unserem letzten Vormittag zu viert chauffieren uns unsere Freunde noch auf den Hausberg im Sueden der Stadt. Eine long, winding und aeusserst schlaglochreiche road fuehrt uns auf ueber 1000m, eine Kurve noch, dann mag ich nicht mehr, sagt Oli, da taucht ein kleiner Pavillon mit Blick nach ueberall auf. Wir atmen  Hoehenluft und ueberblicken alles. Am liebsten wuerde ich dort bleiben, wandern gehen, home is where the mountains are, aber home ist schliesslich nicht, was ich suche. Am Bahnhof trennen sich dann unsere Wege, die fuenf Tage lang parallel verlaufen sind, sich aber angefuehlt haben wie Monate - oder Sekunden. Wir alle vier haben einen Kloss im Hals - Reisefreundschaften sind etwas ganz, ganz Besonderes. Anna und ich schleichen in gedrueckter Stimmung durch die Strassen, Muedigkeit stellt sich ein und wir reden wenig. Schliesslich landen wir auf je einer Parkbank und schlafen dort eine halbe Stunde im warmen Abendlicht. Katharsis. Danach, wie nach jedem Ende, ein Neubeginn. Unsere letzten Stunden in Sofia kosten wir aus, huepfen durch die Strassen, winken fremden Leuten und als wir am Platz vor der Bibliothek mit meiner Ukulele spielen, gibt uns tatsaechlich jemand zwei Lew. Der Nachtzug nach Thessaloniki faehrt um 23:50. Wir breiten uns in einem der fast schon antiquarischen Abteile aus, der Zug faehrt los und Sofia verschwindet, wie es aufgetaucht ist: als Lichtermeer in schwarzer Nacht.





Donnerstag, 24. August 2017

Grenzgänger

BELGRAD - TURNU SEVERIN - SOFIA.

In Belgrad haben wir am Markt einen Hund gesehen, einen Golden Retriever, der, die Leine im Maul, sich selbst spazieren gefuehrt hat. Genau so, kommt mir vor, ist es manchmal mit dem Leben. Durch Zufall (oder Fuegung) wollen unsere neuen Freunde Oli und Nina genau die Strecke entlang der Donau zwischen Serbien und Rumaenien fahren, ueber die ich in "Balkanbeat" gelesen habe, die Strecke, die die Reiseschriftsteller Patrick Leigh Fermor (1933) und Michael Obert (2006) beide auf ihrem Weg in den Sueden gewaehlt haben. Dass wir da mitkommen ist natuerlich klar.

We're on the road to nowhere.

Um 15:30 fahren wir in Belgrad los, erst auf der Schnellstrasse, aber bald, bald kommt die erste Abzweigung. Aus den Lautsprechern schallt Bilderbuch, amerikanischer Rock und The Proclaimers, waehrend serbische Huegel, Felder und Wiesen vorbeirasen. Die holprige Strasse schlaengelt sich bergab und wir sehen zum ersten Mal die Donau wieder, gestaut, bevor sie in eine Felsschlucht muendet, deren andere Seite schon Rumaenien ist. Die Brise, die ueber die Donau weht, riecht nach Freiheit, doch wir bleiben nur kurz, um Mitternacht muessen wir in Sofia sein. Der Zeitdruck ist unwirklich, denn mir fehlt das Zeitgefuehl. Wie lange sind Anna und ich schon unterwegs? Seit wann kennen wir Oli und Nina? In welcher Zeitzone befinden wir uns? Ich bin mir unsicher. Es ist egal. Zeit ist, als was wir sie definieren und beim Reisen braucht es keine Definitionen. Wir folgen der Donau in ihren Meandern, alle 15 Minuten bleiben wir stehen - immer folgen noch schoenere Blicke, ist das Abendlicht noch etwas goldener. Was fuer eine Strecke! Jedes Mal, wenn wir kurz pausieren, faehrt derselbe LKW vorbei und zehn Minuten spaeter ueberholen wir ihn wieder. Er hupt, wenn er an uns vorbeifaehrt und wir winken. Irgendwann stehen wir ein paar hundert Meter ueber der Donau, die Sonne strahlt uns waagrecht an, unsere Autotueren stehen weit offen und wir tanzen zur Musik, die auf volle Lautstaerke gedreht ist. Freiheit. Sommer. Jung sein. Und Menschen, mit denen man all das teilen kann. So abgedroschen es klingt - solche Momente sind es, die schlussendlich bleiben.













Viel zu bald geht es weiter, auf der anderen Seite der Donau sieht man eine Stadt - Orsova. Vor 10 Tagen habe ich noch ueber diesen versunkenen und wieder geborgenen Ort an der Donau gelesen, niemand kaeme auf die Idee, nach Orsova zu fahren, einfach so... und doch bin ich jetzt hier und winke der Stadt ueber die Donau hinweg zu. Wenig spaeter fahren wir ueber die Grenzbruecke bei Turnu Severin, nach Rumaenien und der Horizont faerbt sich lila. Mit Serbien lassen wir das Licht und die malerische Landschaft zurueck. Von Turnu Severin sehen wir nur Armut - baufaellige Haeuser, brachliegende, unbewirtschaftete Felder und Muell in allen Formen, der darauf verteilt ist. Dann kommt schwarze Nacht, Scheinwerferkegel auf holprigen Strassen durch endlose Waelder; nachdem wir zwischen Calafat und Vidin (wie die beiden Schriftsteller) erneut die Grenze ueberquert haben ist das, was wir von Bulgarien sehen. Dazu Musik von Olis Band - ueberhaupt, am ganzen Roadtrip, immer irgendeine Art von Musik. Die Zeit vergeht, man nimmt sie uns weg an der Grenze, wir fliegen ueber winzige, bulgarische Kurvenstrassen, Strassenhundeaugen reflektieren rot unser Scheinwerferlicht vom Strassenrand. Einmal springen drei von ihnen auf die Strasse vor unser Auto, stoppen uns bellend und haetten wohl am liebsten die Scheiben eingeschlagen. Wir erschrecken - auch wenn sie zu klein waren, so waren sie in ihrer Wildheit wohl doch die wolfaehnlichsten Tiere, die wir bis jetzt gesehen haben. Bei einem kurzen Stopp mitten im Nichts der bulgarischen Nacht schalten wir die Scheinwerfer aus und es leuchten unendlich viele Sterne, ueber uns das breite Band der Milchstrasse, eine Road to Nowhere, wie unsere. Nach langem bergauf Fahren fuehrt uns die kleine, holprige Strasse nun talwaerts, wir brettern hinunter und singen gegen Dunkelheit und Geschwindigkeit an. Irgendwann - Revolverheld singt gerade "Ich lass fuer dich das Licht an" - taucht unter uns ein Lichtermeer auf. Sofia.

Wir erreichen puenktlich unser Air-B'n'B, sitzen zusammen am Balkon, noch nicht muede, nie richtig muede, zu viele Endorphine. So viel Abenteuer, denke ich, bevor ich endlich einschlafe, passt also in einen einzigen Tag.





Mittwoch, 23. August 2017

Serbien

BELGRAD.

Die Blase auf meiner linken Ferse ist fast verheilt. Zeit ist verstrichen - wie viel genau faellt mir schwer zu sagen. Viel ist passiert. Wir haben Weggefaehrten gefunden, Oli und Nina, sind in ihr Auto und fuer ein paar Tage in ihr Leben eingestiegen, haben auf schnurgeraden, holprigen Strassen die leere Gegend zwischen Rumaenien und Serbien durchquert, mit im Fahrtwind wehenden Haaren und singend zur Musik aus den Lautsprechern. Irgendwann sind wir ueber die Donau gefahren, eine blaue, glitzernde Flaeche, hinter der sich Belgrads Haeuser auf den Huegeln verteilen. Abends streifen wir durch die Strassen, der Sonnenuntergang malt ein leuchtendes Pink auf den Abendhimmel im Westen und die Stadt vibriert. Auf eine echte, ehrliche Weise vibriert sie, Serben flanieren durch die Strassen, die Lebendigkeit der Stadt ist nicht kuenstlich erzeugt. Wir essen ein Cevapci-Sandwich von einem Strassenkiosk - so, stelle ich mir vor, schmeckt der Balkan. Eindeutig nicht schlecht!









































Mitten in Belgrad steht ein zerbombtes Gebaeude. Es ist am Stadtplan, den wir im Hostel bekommen haben, rot eingezeichnet. Man kann in die offenen, baufaelligen Stockwerke schauen, Kabel haengen aus den Zwischendecken. Ein Andenken an den Balkankrieg - eine Touristenattraktion. Auf der Strassenseite des Gebaeudes haengt ein riesiges Plakat, das fuer das serbische Heer wirbt, darunter braust der Grossstadtverkehr. Mir ist nicht klar, wie ich denke ueber eine Kriegsruine, die zur Sehenswuerdigkeit wird. Pietaetslos? Einschuechternd? Gewagt? Schliesslich entscheide ich mich - ich finde sie gut. Der Krieg in Serbien war, und seine Folgen sind noch immer Realitaet. Renovieren heisst verdraengen, Verdraengtes wird irgendwann vergessen und wer seine Geschichte vergisst ist gefaehrdet, sie zu wiederholen. Schockieren geht hier wohl ueber renovieren.
Wir bestellen Palacinka abseits der Flaniermeile und trinken einen tuerkischen Kaffee (mit Milch... seltsame Touristen, die wir sind). In Olis Kaffeesud glauben wir den Blick von der Rueckbank eines Autos zu erkennen, Oli faehrt, Nina am Beifahrersitz, vor der Windschutzscheibe etwas, das wir als rumaenisch-serbische Grenzlandschaft und damit als gutes Omen fuer unsere Fahrt deuten. Trotzdem brechen wir natuerlich viel spaeter auf als wir es uns vorgenommen haben, gehen durch den antiquiert wirkenden Bahnhof und ueber eine gruene Metallbruecke. Sie wackelt bei jeder Strassenbahn, die krachend ueber die Donau rumpelt - ein Bild, das vor 20 Jahren wohl kaum anders ausgesehen hat. Das Panorama von dort, das Gefuehl, auf dieser Bruecke zu stehen, mit Blick ueber die Stadt und den Fluss - das ist, wie ich mich an Belgrad erinnern will.



























Montag, 21. August 2017

Rumänien

BUDAPEST - TIMIŞOARA.

Nach etwa einer halben Stunde ist auf einmal nur mehr Weite und wir fahren mitten hindurch. Ungarische Felder wechseln sich ab mit brach liegenden Flaechen und der Horizont ist hier wirklich, wo sich Himmel und Erde treffen - nicht Himmel und Berge. Millionen von Sonnenblumen ziehen vorbei, vertrocknet und mit haengenden Koepfen, wie ein Aufmarsch von Boten des Sommers, trauernd, weil bald der Herbst kommt. Die Wolken haengen tief und eine trotzige, wilde Form der Freiheit mit ihnen in der Luft, darunter grasen verstreut Kuehe zwischen Flecken bedeckt mit kleinen, lila Blumen. Unsere Blicke ziehen durch das Zugfenster ueber die Landschaft, meiner in Fahrtrichtung, in die Zukunft, Annas in die Vergangenheit, waehrend wir zusammen in der Gegenwart sitzen, den Schienen wie einem Zeitstrahl folgend.
Dass wir woanders sind, muss auf keinem Schild stehen - man spuert es. Die Zuege, die Strommasten sehen anders aus, die Voegel scheinen sich in ihrer Art zu fliegen zu unterscheiden von denen zu Hause. Zwischen den Gleisen waechst ausgeblichenes Gras und die Augen der Menschen erzaehlen unbekannte Geschichten, sprechen, wie die Menschen, fremde Sprachen.























TIMIŞOARA.

Ein kuehler Wind weht und zerpflueckt die vereinzelten Wolken am Himmel ueber Timisoara. Er laesst den geflickten, schaebigen Sonnenschirm flattern, der dem ersten der Marktstaende Schatten spendet. Dahinter folgen weitere Staende, Melonen stapeln sich zahlreich, Beeren, Tomaten, Aepfel und Trauben werden angeboten, fuer zwei, drei Lei das Kilo. Ein Lei, das sind 25 Cent. Es ist viel los am Markt - Rumaenen streifen durch die Gaesschen zwischen den Marktstaenden, Menschen mit aufrechtem Gang und offenem Blick, der uns hin und wieder leicht ueberrascht streift - wir sind, Touristen sind in diesem Teil der Stadt Sehenswuerdigkeiten, wie im Zentrum die Kathedrale und die Oper. Die Strassenbahn mit deutschen "Bitte festhalten!"-Aufklebern tuckert vorbei und alle paar Minuten begleitet die Ampel schrill tutend die Gruenphase, als wollte sie unterstreichen, dass sich hier, ja, genau hier, das echte rumaenische Leben abspielt.

















Der Hauptplatz, die Plata Unirii, ist zu gross fuer diese kleine Stadt. Kirchen, Cafes und restaurierte Haeuser umstehen eine verloren wirkende Statue in der Mitte der freien Flaeche. Hier erkennt man nun auch Touristen, die Kamera um den Hals und den Stadtplan in der Hand, wie man wohl auch uns sofort erkennen muss. Die Fremdheit klebt an uns, purzelt zwischen den Zeilen aus meinem Mund, wenn ich auf Englisch bestelle. Wuerden wir schweigen, ohne Kamera zwischen uns und der Welt, wir wuerden vielleicht als Rumaeninnen durchgehen. In einem Park fragt uns ein Mann auf Rumaenisch nach dem Weg und im Supermarkt reicht mein schnell gemurmeltes "Salud!", um unerkannt bedient zu werden.
Wie ueber der ganzen Stadt, liegt auch ueber unserem Hostel, das in einer alten, renovierten Villa untergebracht ist, eine verschlafen wirkende Ruhe. Es gibt wenige Gaeste, kaum jemand nuetzt wie wir das Abendlicht aus, um im Garten zu sitzen. Verwunschen kommt man sich hier vor, die Zeit scheint still zu stehen oder zu verfliegen, egal, man spuert sie hier nicht. Die ersten verfaerbten Blaetter liegen bereits am Boden.