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Donnerstag, 6. Dezember 2018

dezember

Der heilige Schein - ein Wintermärchen


Es war einmal an einem kalten, dunklen Dezembertag ein armes Bettelmädchen, das saß auf den Stufen einer großen, grauen JEDEN TAG EIN ANDERER SPASS UM NUR 269,99€ Kirche und bat die Leute um ein wenig Geld. Ein eiskalter Wind fegte seit Stunden durch die Gassen der 24H REGNET ES TOP MARKENPRODUKTE Stadt, sodass die Menschen ihre Mantelkrägen aufschlugen und die Hände tief in den Taschen vergruben. So kalt war es, dass sich keiner länger draußen aufhielt, als es unbedingt notwendig war und in den warmen Stuben saßen Kinder mit roten Backen beim Licht der beiden Kerzen, die am Adventkranz flackerten, mit ihren Eltern bei Tisch. Zusammen WIRTSCHAFTSWACHSTUM sangen sie Adventlieder und wärmten ihre kleinen Hände an Tassen voll dampfendem Tee.
Das Bettelmädchen hatte keinen Tee, an dem es sich die Hände wärmen konnte, keine Stube, in der es sitzen, und auch keine SO MACHT MAN WEIHNACHTSWÜNSCHE WAHR Eltern, mit denen es singen konnte. So sang es seine Lieder alleine mit vor Kälte zittriger Stimme, und schlug dankbar die Augen nieder, wenn jemand sich erbarmte und eine ALLES KAUFEN, WAS DAS CHRISTKIND WILL Münze in seine Hände legte. Schon wurde es Nacht und das letzte Licht verschwand im Westen hinter grauen Wolken, noch bitterer wurde die Kälte und noch zittriger die dünne Stimme. Dann verstummte das Mädchen. Eine Träne rollte ihm über die gerötete Wange. Wo sollte es heute Nacht schlafen? Das Geld, das es HUI, DAS IST JA GÜNSTIG erbettelt hatte, reichte kaum für ein Stück Brot.
Es kamen keine Menschen mehr vorbei um diese Zeit, denn alle saßen bei Kerzenlicht in ihren Stuben und dachten nicht an das arme Bettelmädchen. Doch gerade als es aufgestanden war und sich aufmachen wollte, die anderen Bettelkinder EIN KLICK UND DIE REVOLUTION IST HIER zu suchen, sah es, dass sich ihm eine Gestalt näherte – es war eine alte Frau, die vom Friedhof nach Hause ging. „Was machst du hier so ganz alleine in der Dunkelheit und Kälte?“, fragte die Frau. „Ich sitze jeden Tag auf den Stufen dieser Kirche und bettle, um nicht ICH-SUCH’S-MIR-AUS-RABATT zu verhungern“, antwortete das Mädchen, „denn ich habe niemanden, der für mich sorgen kann.“ Die Frau blickte das Mädchen mitleidig WEIHNACHTSGESCHÄFT an, das frierend die Augen niederschlug. Da ließ auf einmal der Wind nach und die ersten, zarten Schneeflöckchen des Jahres tanzten durch die Luft. Fast übermütig flogen sie in wilden Bahnen umher und ließen sich schließlich auf den Mänteln und den Mützen der beiden nieder.

Da blickte die alte Frau, nachdem sie lange nachdenklich geschwiegen hatte, zu dem Mädchen auf und lächelte. „Komm mit mir!“, sagte sie. „Mein Mann ist letztes Jahr KÖNNEN WIR GLÜCK UND GLAMOUR SCHENKEN? gestorben und ich wohne ganz alleine in einem großen Haus. Ich habe keine Kinder und keine Enkel, und Abend für Abend sitze ich EINFACH GÜNSTIG VIEL allein beim Adventkranz – lass uns zusammen die Weihnachtszeit verbringen!“
Von diesem Tag an wohnte das arme Bettelmädchen bei der alten Frau, und gemeinsam vertrieben sie ihre Einsamkeiten. Abends saßen sie miteinander SO LEICHT KANN EINKAUFEN SEIN in der warmen Stube, wärmten ihre Hände an Tassen voll Tee und sangen zusammen Adventlieder, während DIE GLEICHE UHR UM NUR 159,99€ die Zeit verging. Als aber der Weihnachtstag kam, da luden sie alle anderen KLAR GEHT DAS Bettelkinder, die sie in der Stadt finden konnten, ins große Haus der alten Frau ein. Die alte Frau kochte das größte Weihnachtsessen, das HEUTE SOGAR MIT MINUS 10% AUF ALLES die Kinder je gesehen hatten, und als der Abend vorbei war, schliefen sie alle ISS WIE DU DICH FÜHLST satt und glücklich, in die warmen Decken der Frau gehüllt ein.
Das Bild der schlafenden Kinder in ihrem Haus berührte die Frau so sehr, dass sie an diesem späten Weihnachtsabend beschloss, alle Kinder bei sich aufzunehmen und für sie zu sorgen, solange sie konnte. Als sie behutsam die letzte Kerze am Christbaum löschte, schlich sich ein Lächeln auf ihre Lippen und sie dachte bei sich, dass dieses Weihnachten wohl das schönste ihres ganzen, langen Lebens war.

Mittwoch, 15. August 2018

august / tirol

am see

ausatmen. luftblasen bahnen sich blubbernd ihren weg aus meinen nasenlöchern, verwirbeln mein sichtfeld. kaltes wasser strömt meinen rücken entlang, über meinen kopf, ich strecke die beine, die zehen stoßen ins nichts, das doch etwas ist und türkisblauen, kühlen widerstand bietet. 
einatmen. kopf aus dem wasser, ich sehe das andere ufer und ameisenmenschen, die darauf herumkrabbeln, sehe segelboote, die durch meine augenwinkel kreuzen, ein seltsam reales bild, das ich registriere, ohne es wirklich wahrzunehmen. meine arm zerschneiden wie mechanisch wassermoleküle - die segelboote gehören nicht zu meiner realität. 
meine realität ist türkisblaue kühle, ist die tiefe unter mir, in deren dunkelheit ich nicht hinabzuschauen wage, ist das ewige wiederholen derselben bewegungen, wieder und wieder, das einer meditation gleicht. ich schwimme durch den see, ich bin teil von ihm und doch ein fremder, wärmestrahlender körper in all dem türkis und all der kühle. ich schwimme und spüre meine wärme, spüre meine kraft, und spüre ihre endlichkeit. alles ist wasser, sonst ist nichts, alles ist bewegung, der rest ist belanglos. ich schwimme.
ausatmen. einatmen. ausatmen. bis irgendwann der schon fast verlorengeglaubte boden unter den füßen zu mir zurückkehrt.






...




An der Grenze
 
Es gibt Grenzen, und zwar nicht wenige, die einer Lineallogik folgen. Sie wurden feinsäuberlich und gerade auf großmaßstäbigen Karten gezogen. Den Stift führten resolute Bestimmerhände, die effizient waren, vehement und rational. Diese Grenze gehört nicht dazu. Ihre Logik ist die unbezwingbare des Reliefs, ihre verwackelte Linie folgt einzig der Topographie.
An dieser Grenze zwischen Österreich und Italien liegt, dahingewürfelt in einem schmalen, dunkel bewaldeten Tal, ein Ort. Hohe, schroffe Berge, mit Fichten wie mit einem Tuch bespannt, ragen auf rund um diesen Ort, der eigentlich ein Unort ist. Ein Unort ist er, weil sein einziger Zweck das Durchfahrenwerden ist. Seine Seele ist der Transit, seine Lebensadern sind die Bahngleise. Brennero – Brenner: ein Zwitterort, der nicht weiß, wo er hingehört, wo er sich einzuordnen hat, nicht einmal, welche Sprache er spricht. Die Häuser wirkten trostlos, ihr Anstrich ist verwaschen – es regnet oft, am Brenner. Resigniert scheinen sie, als hätten sie sich vor langer Zeit schon gewöhnt an die Chiuso / Geschlossen-Schilder an ihren Türen und in ihren Auslagen.
Sempre aperto ist nur das Brenner-Outlet, das kommerzielle Aushängeschild der Gemeinde und für die meisten der einzige Grund, hierherzukommen und dabei tatsächlich stehenzubleiben. Im Outlet herrscht dieselbe klimpernde Konsumfröhlichkeit wie in jedem anderen Einkaufszentrum, und am Wochenende wohl auch dieselbe rastlose Geschäftigkeit unter den zahlreichen Konsumierenden. Unter der Woche allerdings strahlen die bunten Schilder über den Eingängen fast nur pro forma. Herausgeputzt, adrett und unberührt hängen bunte Waren an ihren Gestängen: Wanderhosen, wasserabweisende Jacken, Laufschuhe und Sportbikinis.
Außerhalb des Outlets ist das zweisprachig Nichtssagende des Ortes fast ungestört. Nur die vereinzelten Bars lassen sich zuordnen – es wird italienischer Kaffee ausgeschenkt, es sind italienische Lokale auf nationalitätslosem Boden. Überhaupt weht das Italienische mit dem Föhn zusammen von Süden her ins Tal, viel  mehr als das Österreichische es durch das kurvige, steile Wipptal heraufschaffen würde.
Der Aufstieg zur Grenze ist steil, und noch steiler sind die Wände rundum. Ohne all die lärmende Infrastruktur wäre der Brenner nichts als ein abgeschiedenes, düsteres Tal in den südlichen Alpen. Ein Tal mit Wasserfall und Bergsee, mit undurchdringlich schwarzen Wäldern, schroffen Felswänden und hohen Gipfeln.
Ein schönes Tal, eigentlich.


 

Montag, 2. April 2018

Auf Frühlingssuche

Es ist Ende März und ein kalter Wind weht durchs Inntal - er verschreckt die ersten wagemutigen Knospen und Blumen, und mit letzter Kraft umklammert der Winter die Berge.
Ich nehme in Innsbruck einen überfüllten Fernbus Richtung Süden, der mich (nach einem Zwischenstopp in Verona) bis nach Siena bringt. In dieser Kleinstadt, die auf einem toskanischen Hügel irgendwo zwischen Florenz und Rom liegt, besuche ich Maria, die momentan dort lebt. Es folgen, in Bildern und Worten, Momentaufnahmen meiner Suche nach dem Frühling.




VERONA


Die Gässchen von Verona leuchten im Abendlicht: die Schönheit des Landes wurde den Gebäuden eingeschrieben und umgekehrt. Sie ruht in der milden Abendluft und sitzt in den warmen Augen der Menschen. Ich finde, ich sollte hier leben, irgendwann. Nichts übertrifft Italien.


































Kaum ein besseres Gefühl, als immer weiter, weiter, weiter Richtung Süden zu fahren. Durch die Schwärze der Nacht, der Straße wie einem Wasserlauf folgend, immer näher zum Sonnenlicht des nächsten Morgens.
Ein Zauber liegt über den Autobahnraststätten in all ihrer Hässlichkeit. Mit Blicken halte ich mich an den Mitreisenden fest, die der Bus mit mir zusammen ausgespuckt hat. Mir fehlt jegliche Orientierung - wir sind irgendwo zwischen Verona und Siena - doch die Luft am Parkplatz riecht schon anders. Sie riecht nach Süden. Ich atme tief ein, bevor ich wieder in den Bus steige, der weiter mit mir durch die schwarze Nacht rumpelt.




SIENA







Dovete guardarla come una cipolla, hat der professore di storia dell'arte über die Wände des Palazzo Pubblico gesagt; strato per strato. Schicht für Schicht, wie eine Zwiebel. Ich bin mit Maria unter den studenti gestanden und habe mit ihnen, zögernd und ehrfürchtig, die alten Mauern berührt. Ich kann nicht verstehen, warum es so etwas in Wien nicht gibt. Warum rafft keine(r) unserer Lehrenden sich je auf, uns Dinge anhand der echten Welt zu erklären?
Ha tutti gli aspetti del marmo, ma é solo una pintura. Nur ein Gemälde. Ceci n'est pas le marbre. Ich bin eingetaucht in la vita senese, auch wenn ich nur die Hälfte der schnellen, teilweise genuschelten Professorenworte verstanden habe. Ich bin untergetaucht - und was wäre das Reisen, ohne sich je die Haare nass zu machen?




 

Ich sitze auf einer Terracottamauer und der Sonnenuntergang über der Porta Camollia beleuchtet warm und rötlich schimmernd die Welt. Die Knospen am Baum vor mir schreien danach, endlich platzen zu dürfen. Primavera in anticipo. Che surreale stare qui - che bellissima surrealtà.




















Auf der Piazza del Campo gibt es in der hintersten Ecke eine kleine, unauffällige Bar, wo der Cappuccino trotz der zentralen Lage nur 1,40€ kostet. Über eine winzige Stiege und durch eine knarrende, niedrige Tür gelangt man auf einen der kleinen Balkone, die entlang der Häuserfassaden die ganze Piazza umspannen. Während des Palio sind diese Plätze unbezahlbar, erzählt mir Maria. Heute aber sind außer uns nur vier andere auf die Idee gekommen, hier ihren caffé zu trinken. Der Himmel ist wolkenlos und die Silhuetten der ziegelfarbenen Häuser und des gestreiften duomo mit seiner runden Kuppel ragen in das strahlende Blau. Menschen wuseln wie Ameisen über die riesige Piazza, die auf allen Seiten von steinernen, eng stehenden Häusern begrenzt wird. Sie wirkt auf mich wie ein ziegelroter Kessel, oder wie der unverhältnismäßig große Innenhof einer mittelalterlichen Burg aus terracotta.
Wir sitzen lange chiaccherando auf dem Balkon, beobachten das Treiben unter uns, und der Cappuccino schmeckt wieder einmal nach dolce vita. Wie seltsam, hier zu sein. Wie seltsam, und wie schön.




















































Dass die Università di Siena anders ist als die Uni Wien, merkt man sofort. Es liegt eine Ruhe über den Gängen, die ich von einer Hochschule so nicht kenne. Überall stehen Tische und Stühle für Studierende, die hier lernen oder arbeiten wollen, und vor den Fenstern liegt so pittoresk die Altstadt von Siena, dass man meinen könnte, es sei nur eine Postkarte, die an den Scheiben klebt.
Ziellos durchwandern wir die Gänge, kommen an einer Tür mit der Aufschrift "Geografia" vorbei und gelangen schließlich zu einem weiteren Fenster, das einen Blick über die Hügellandschaft um Siena bietet. Ich öffne es, strecke den Kopf hinaus, schließe die Augen und höre den Bäumen zu, die im warmen Frühlingswind rauschen.



































Wolkenberge in verschiedenen Nuancen von grau türmen sich über den toskanischen Hügeln. Ein knallblauer, klappriger Peugeot rattert über die gepflasterte Straße. Mir gegenüber steht ein schmales, ockerfarbenes Haus. Seine Fenster sind umrahmt in einem hellen Rotton, die hölzernen Fensterläden, von denen die hellblaue Farbe schon abzublättern beginnt, sind fast alle geschlossen. Drei kleine Rauchfänge und ein schräges Dachfenster durchbrechen das Schichtmuster der braunen, steinernen Dachziegel, und auf einer der Wäscheleinen schaukelt eine dunkelbraune Jacke sanft im leichten Abendwind.
Ich könnte Notizbücher füllen, nur über dieses eine Haus.
So viele alte Häuser in dieser kleinen Straße, so viele kleine Straßen in Siena, so viele faszinierende Städte in der Toskana, und so viele wunderbare Gegenden überall in Italien.
Ich könnte zehn Leben damit verbringen, dieses Land zu erkunden; wie unzählig viele Leben (und wie viele Notizbücher!) bräuchte ich für diese ganze, schöne Welt?