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Freitag, 15. September 2017

Italien III

PERUGIA.

Ciao Giulio, schreit der Italiener hinter uns in sein Telefon, zum dritten Mal in zwanzig Minuten, ciaaaaooo, cioééé, so che ti sposi presto ma dobbiamo comunque risolvere questa problema! Ich spuere foermlich den Luftzug seiner wild hinter meinem Kopf gestikulierenden Haende. I wonder, raune ich Chloe zu, what his big problem with Giulio is all about! Chloe schaut mich ernst an. I think he's secretly in love with Giulio, fluestert sie zurueck. Ich nicke. That makes sence. No wonder he's upset, with Giulio getting married and all... Wir lachen. Seit wir vor ueber einer Stunde in den Bus nach Perugia gestiegen sind, sind kaum zwei Minuten vergangen, in denen der Italiener hinter uns nicht telefoniert hat. Mit einer Lautstaerke telefoniert er, als muesse er ohne Mikrofon eine Vorlesung im Audimax halten. Ich seufze, aber gleichzeitig muss ich grinsen. Ueber die Situation, die so typisch Italienisch, typisch suedlaendisch ist und über den mitteleuropaeischen Aerger, der immer in mir aufwallt, wenn hinter mir ein neues Pronto!!!! erschallt.
Die Landschaft ist huegelig geworden, hilly, and familiar. Umbria. Ab unserer Ankunft in Perugia ist alles ein einziges Wiedererkennen. Die roten Schienen der Minimetro, die blauen Busse, die mit undurchschaubarer Systematik vom Bahnhof abfahren und das Gerumpel, als wir es in den Bus D Richtung Pila geschafft haben. Das Ortsschild von Case Nuove, die unscheinbaren Vorstadthaeuser, die Zypressen in der Via Torre Poggio, der blaue Himmel darueber und schließlich, am Ende der Straße auf der Kuppe des Huegels, das Farmhouse. Es ist fast schon wie heimkommen. An jeder Ecke, jeder Lavendelstaude kleben Erinnerungen der fuenf Wochen im Fruehsommer 2016, die ich hier verbracht habe. Es gibt viele Lavendelstauden und es gibt viele Erinnerungen. Diesmal bin ich keine Workawayerin, muss nicht Baeder putzen und Rasen maehen, sondern kann mich mit Chloe in die Sonne an den Pool legen. Ich schauen an meinen Zehen und dem Pool vorbei auf den Huegel gegenüber, wo das wunderbare, altbekannte Perugia-Panorama liegt. Huehner gackern, ab und zu schreit ein Esel, sonst ist es still. Das meiste ist gleich geblieben, aber einige Dinge sind anders. Die Besitzer des Farmhouse sind Eltern geworden. Maju, der Hund, der ein Baby war als ich im Farmhouse gearbeitet habe, ist jetzt dreimal so groß, es gibt neue Workawayerinnen und es ist Herbst geworden in Perugia - so gut wie. Ich denke an all die netten und interessanten Menschen, die ich hier kennengelernt habe - schoen waere es, sie alle im Farmhouse wiederzusehen. Schoen ist es auch so.






















Ich gehe altbekannte Wege: zum Supermarkt Conad, zur Bar Olimpia, wo mich die Kellner noch mehr oder weniger kennen und der Cappuccino um 1,10€ immer noch gleich gut schmeckt, zur anderen Bar, wo wie immer alle alten Maenner in Case Nuove versammelt sitzen und uns Fremde ungeniert anstarren, waehrend wir ein Eis bestellen. Auf Bonneggio, den Huegel gegenüber, wo immer noch niemand außer alten Menschen und riesigen, frei laufenden Hunden wohnt, durch dasselbe Tal, doch der Mohn ist schon lange verblueht und die Felder liegen brach. L'autunno sta per arrivare... Nach Perugia, wo dieselben Winde mir die Haare zerzausen, waehrend ich mich an denselben Aussichten nicht sattsehen kann. Perugia, eine wunderbare Stadt, winzige Gaesschen im Inneren und Weitblick am Rand. Hier koennte ich, denke ich, leben. Wer weiß... Am Abend sitzen wir mit anderen Backpackern im Farmhouse zusammen, trinken Wein und ich packe auch meine Ukulele aus. Wie frueher. Fast. Chloe und ich machen Spaziergaenge durch den Ort und die Felder und auch als es regnet, macht das nichts.
Ich lasse Chloe, das Farmhouse, Perugia und meine Erinnerungen etwas wehmuetig zurueck. Doch dass ich wiederkomme steht sowieso ausser Frage.

























BOLOGNA.

Mein Zug nach Bologna hat 50 Minuten Verspaetung, faehrt aufgrund von problemi tecnici nicht die direttissima, sondern sozusagen die via panoramica, wie mir mein Sitznachbar Gianluca erklaert. Er erzaehlt mir vom Studentenleben in Bologna, perfetta per gli studenti, meint er und fuegt hinzu, dass er froh sei, nicht nach Florenz gegangen zu sein.
Im normalen Lauf der Dinge, im Alltag, im Norden vergesse ich manchmal, warum ich Bologna mag. Aber nach den ersten Schritten vom Bahnhof Richtung Zentrum faellt es mir sofort wieder ein. Meinen Rucksack am Ruecken spuere ich kaum, ich gehe durch einen Bogengang nach dem anderen, was fuer eine faszinierende Stadt. Florenz, hat am Vormittag Sarah, eine Backpackerin aus Deutschland, gemeint, Florenz ist irgendwie dunkel, ein dunkles Braun, aber Bologna, Bologna ist rot. Sarah studiert Kunstgeschichte, aber ich muss keine Expertin sein, um sofort zu wissen, was sie meint. Ich esse ein Eis - eigentlich ist es zu kalt dafuer, bewoelkt und windig. Fuer ein paar Minuten sitze ich auf der großen piazza und beobachte all die verschiedenen Leute, die vorbeiflanieren. In einem grossen Bogen gehe ich durch noch mehr portici zurueck zum Bahnhof und singe dabei laut "Lasciatemi cantare" und "Bologna". Lasciatemi cantare perché ne sono fiera, sono un'italiana, un'italiana vera. Zumindest bin ich, finde ich, verhaeltnismaessig nah dran.
























Ich liebe dieses Gefuehl, alleine unterwegs zu sein, abzubiegen, wenn es mir gerade einfaellt, Dinge zu betrachten, stehenzubleiben, wo ich will, ganz alleine und nur fuer mich verantwortlich zu sein, wenn ich Bloedsinn mache, unorganisiert bin oder "falsche" Entscheidungen treffe. Ich nehme alleine so viel intensiver wahr und ein Reisegefaehrte kann noch so wunderbar sein - es ist nicht dasselbe. Ich bin nie so frei, wie wenn ich alleine fremde Orte erkunde. Diesen Unabhaengigkeitsdrang habe ich mir auf meinen Reisen des letzen Jahres angewoehnt. Und ich weiss nicht, vielleicht ist das purer Egoismus, aber ich glaube nicht, dass sich daran so bald etwas aendern wird. Wer gerne alleine reist, wird mich verstehen.




In der letzten halben Stunde im Zug nach Verona nehme ich die Kopfhoerer aus den Ohren und hoere stattdessen dem Zug beim Rattern zu. Wir fahren durch die Poebene, rundherum Gruen und grosse Felder. In Mirandola entdecke ich im Osten einen Regenbogen, er bleibt fuer mindestens 20 Minuten, waehrend im anderen Zugfenster die Sonne langsam untergeht. In Verona werde ich meine Eltern treffen. Ich schaue auf meinen bunt behaengten Rucksack mir gegenueber und muss schmunzeln. Wir haben einen ganz schoen weiten Weg hinter uns, denke ich. Schoen war's.



Endstation Garda-Meer...


...mit meinen Eltern
















ENDE GELAENDE

Samstag, 9. September 2017

Italien II

MATERA.

Ich sollte eigentlich ueber Bari schreiben, habe den Text noch lange nicht fertig, doch ich muss diesmal eine Ausnahme machen. Ich sitze in einem Café in der Altstadt von Matera. Rund um mich wird Englisch, Franzoesisch gesprochen, ich habe mir gleich gedacht, dass es sich um ein Touristencafé handelt, aber ich habe es in Kauf genommen. Wie immer habe ich meinen Cappuccino viel zu schnell hinuntergekippt, die leere Tasse steht neben meinem Notizbuch. Das Café hat trotz allem Atmosphaere, es wirkt, als haette man versucht, es zu renovieren und nach drei Stunden wieder aufgegeben. Der Kellner passt zur Einrichtung, ein frueh gealterter Endvierziger, der den Eindruck vermittelt, er muesse sich zu jedem Handgriff aufraffen - bestuende er aus Metall, seine Scharniere wuerden quietschen. Touristengruppen waelzen sich an mir vorbei ueber die kleine piazza, immer der Frau mit dem hoch erhobenen, knallorangen Regenschirm nach, ein alter Mann in einem Fiat Panda hupt und einige springen zur Seite. Eine ambulanza und die carabinieri fahren vorbei, die Sonne scheint mir auf den Ruecken, im Hintergrund eine uralt wirkende Kirche. Der Grund, warum ich nicht ueber Bari schreiben kann, ist Matera. Was fuer ein seltsamer, seltsamer Ort! Fuenf Minuten bin ich der unscheinbaren Gasse, in der mein Hostel liegt, gefolgt, keine sassi weit und breit seit dem Bahnhof, als ploetzlich die Gasse in eine piazza muendt, und da sind sie - i sassi di Matera. Alles, alles hier ist aus hellgrauem Stein, die Haeuser sind mit den Felsen verschmolzen, sind Auswuechse der Felsen. Fasziniert schaue ich auf das in Formen gegossene Grau unter blauem Septemberhimmel - so etwas habe ich noch nie gesehen. Eine seltsame Ruhe liegt ueber der Stadt, als wuerden, wenn die Touristen nicht waeren, nur mehr Steine und Stille bleiben. Mitschuldig daran ist sicher der bevorstehende Jahreszeitenwechsel - ich kenne diese Stimmung von Urlauben Anfang September mit meinen Eltern. Der Sommer liegt in den letzten Zuegen, die Sonne waermt nicht mehr ganz so sehr, nicht mehr ganz so lange. Es ist, wohl oder uebel, Zeit: der Sommer war sehr gross. Ich bezahle meinen Cappuccino und mache mich auf, meine Erkundungstour fortzusetzen.



















Ein paart Stunden spaeter. Es ist dunkel geworden. Ein kreisrunder Vollmond und viele kleine Laternen beleuchten die Felsenstadt. Ich haette mich mit einer Bekannten aus dem Hostel treffen sollen, doch ich kann sie nicht erreichen und Wlan ist unauffindbar, weshalb ich alleine durch die Gaesschen spaziere. Bald bin ich von den bevoelkerten Flaniermeilen abgezweigt, viele, viele Stiegen hinauf und wieder hinungergestiegen, es ist leiser geworden um mich. Matera hat sich veraendert mit Einbruch der Dunkelheit, ueberall gaehnt Schwaerze hinter halb vernagelten Durchgaengen, Moskitos surren, ein Hund bellt irgendwo und Katzen werfen mir im Vorbeischleichen abschaetzige Blicke zu. Ohne Tageslicht, finde ich, merkt man der Stadt ihr wahres Wesen an - sie ist eine Wiederauferstandene. Wie Gefaengnisse wirken die oft mit Gittern versperrten Fenster der Haeuser im Fels und ich denke daran, dass dieser Teil von Matera bis vor 20 Jahren eine Geisterstadt war. Wie viele Menschen wohl in diesen Felsen gestorben sind, an Hunger, Armut, Krankheit? Die Kirchturmglocken einer nahen Kirche laeuten eine wehmuetige Melodie und ich wickle mich fester in meine Jacke. Genug Seitengassen fuer heute. Sollte ich jemals eine Schauergeschichte schreiben, denke ich, waehrend ich die Stiegen zurueck zum Zentrum hinaufsteige, dann wird sie in Matera spielen. In Matera bei Vollmond.






















Den naechsten Morgen will ich nutzen, es ist ein strahlend schoener und ich gehe um acht aus dem Hostel, drei Stunden Zeit bis zu meinem Zug. Ich wuerde so gerne auf die andere Seite der Schlucht, die die Altstadt in Matera von den alten Hoehlen am Hang gegenueber trennt, doch ich habe kein Glueck - der einzige Weg auf die andere Seite ist seit zwei Monaten gesperrt. Ich muss wohl wiederkommen, beschliesse ich und umrunde stattdessen einmal die Altstadt. Ein alter Mann  pflueckt reife Feigen von einem Baum am Strassenrand und schenkt mir eine davon. Ich wandere durch die Felsenstadt, treppauf, treppab, und schaue mir am anderen Ende ein improvisiertes Museum an, das ein weiterer alter Mann in einem noch deutlich älteren, ehemaligen Kloster eingerichtet hat. Si lavorava solo, sagt er nachdruecklich und schaut mich resigniert, vielleicht auch etwas traurig an, als ich ihn frage, wie das Leben so war in Matera in den 20er, 30er-Jahren. Si lavorava solo.

Auf der Rueckfahrt von Matera mache ich die Bekanntschaft von Salvatore. Devi ancora validare il biglietto!, macht er mich aufmerksam und so kommen wir ins Gespraech. Salvatore, stellt sich heraus, ist Kartograph. Wieder einmal so ein "Zufall". Er erzaehlt mir von der Geschichte Materas, einmal mehr hoere ich von Reichtum, darauf folgender bitterer Armut, der Raeumung und schliesslich der Neubesiedlung der Stadt vor zwanzig Jahren. Die Touristen kaemen allerdings erst seit vier, fuenf Jahren, seit die Stadt zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde. Auch er hat einmal Interrail gemacht, erzaehlt er, vor 15 Jahren. In Bari verabschieden wir uns, in bocca al lupo wuenscht mir Salvatore, viel Glueck. Zugbekanntschaften, denke ich, zaehlen doch immer wieder zu den interessantesten.
In Bari habe ich trotz den guten Wuenschen erst einmal Pech - der Zug nach Rom, den ich nehmen wollte, ist ausgebucht, der naechste braucht sechs Stunden, ich werde erst um 22:20 in Rom ankommen. Erst aergere ich mich ueber mich selbst, warum habe ich nicht einen Tag frueher reserviert? Doch schlussendlich bin ich froh ueber das Zeitloch. Ich trinke einen Cappuccino, stelle mich ein letztes Mal ans Meer und hole ganz tief Luft. Bis bald, Meer. Ich bin froh, dass ich mich gebuehrend verabschieden kann. Und schlussendlich fuehren bekanntlich alle Wege nach Rom - frueher oder spaeter.


















ROMA.

Rom empfaengt mich mit Dunkelheit und als waere ich nicht schon weit genug gegangen an diesem Tag schickt mich Google Maps in die falsche Richtung (und nein, das ist keine faule Ausrede). Ich finde mein Hostel um kurz vor Mitternacht, nach einstuendiger Wanderung mit Rucksack durch unangenehm duestere Gassen, Dank eines sehr hilfsbereiten Kellners. So viele Schritte an einem einzigen Tag - ich falle erschoepft ins Bett.
Der folgende ist ein Spaetsommertag und unter Platanen, auf einer Bruecke ueber den Tiber treffe ich endlich Chloe wieder. Ueber ein Jahr ist es her, dass wir uns beim Reisen durch Italien kennengelernt haben und es ist mehr als passend, dass wir uns auch in Italien wiedersehen. Wir gehen und gehen durch die Stadt, durch das Viertel Trastevere, wo man auf den Strassen noch mehr Italiener trifft als Toursiten. Nach Ueberquerung des Kolluseums, wo sich Touristenscharen im Kampf um den besten Selfie-Spot gegenseitig ueberennen und am liebsten mit ihren Selfiesticks den Kopf einschlagen wuerden ist das genau, was ich brauche. Wir finden eine unauffaellige Bar an der Hauptstrasse durch Trastevere und trinken den unvermeidlichen Cappuccino. 1,10€ zahlt man hier dafuer. Irgenwann gehen wir weiter, gehen, gehen vorbei an alten Haeusern und Platanen, die uns einzelne Blaetter vor die Fuesse werfen, gehen zur Engelsburg, die Sonne waermt, ich trage Shorts, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Wir essen ein Tiramisù, das doppelt so viel kostet wie es sollte, man stellt uns aus Platzmangel einen Tisch mitten in den Eingang des Lokals. Ich spreche Italienisch mit den Kellnern, was geflissentlich ignoriert wird - have a seat-e, ruft man zuvorkommend. Wir gehen weiter, Zucker in unserem Blut, genug Zucker fuer drei Tage, mindestens. Wir gehen, gehen, ein paar Stiegen hinauf, durch einen vernachlaessigt wirkenden Park, vorbei an roemischen Ausgrabungen, die wie ueberall hier einfach am Wegesrand stehen. Nichts Besonderes. Ich war hier schon, vor drei Jahren, von der Kuppe des Huegels sehen wir die Stadt unter uns ausgebreitet daliegen. Wir gehen weiter, solvitur ambulando, habe ich gehört; es wird gelöst im Gehen. In Chloes Hostel essen wir Carprese, Brot und Oliven. Ich bleibe zu lange sitzen, die letzte direkte Strassenbahn ist abgefahren. Jetzt bin ich wirklich erschoepft, ich gehe, aber ich will eigentlich nicht mehr gehen, will irgendwo ankommen und die Fuesse hochlegen. Ich ueberquere die dunkle Piazza Venezia, im Bus zum Bahnhof Termini draengt eine Schulklasse herein, eine Wiener Schulklasse, 15-/16-jaehrige auf Klassenreise. Sie beanspruchen Raum und Sauerstoff, Oesterreichisch draengt in meine Gehoergaenge, ich will das nicht hoeren, verstoepsle meine Ohren mit Kopfhoerern, schliesse die Augen und atme flach. Eine U-Bahn-Fahrt, ein paar mehr Schritte - halb 12 ist es, als ich im Hostel ankomme. Ich falle, wieder, ins Bett. Solvitur ambulando, habe ich gehoert.












































Ploetzlich ist der 8. September. Rom ist ein Zwischenstopp geblieben. Auf dem Weg zum Busbahnhof lese ich "Was ich in Rom sah und hörte" von Ingeborg Bachmann. Ich verstehe, was sie meint. Auch ich habe den gruenen Schlamm im Tiber gesehen, die grossen, herrschaftlichen Villen und SPQR (senat populusque romanum), gestempelt auf Busse, Schilder und Kanaldeckel, wie ein tag, als wolle die Stadt in sich selbst ihr Revier markieren. Ich habe ausserdem alte Steine gesehen und neue, hippe Cafés, ich habe Schatten gesehen, von huebschen Laternen auf mediterranen Hausmauern und einen alten Mann mit Baskenmuetze, der von seinem Fenster im zweiten Stock aus das Geschehen auf der kopfsteingepflasterten Gasse beobachtet hat. Ich habe Pinien und Zypressen gesehen und vereinzelt auch noch ein paar Palmen, ich habe Autolärm und Diskussionen auf Italienisch gehört und ich habe beschlossen, dass ich Rom mag. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.



Mittwoch, 6. September 2017

Italien I



IGOUMENITSA – BARI.

Ich sitze auf einer Parkbank gleich hinter dem Hafen von Igoumenitsa. Das Wort „ich“ zu schreiben, merke ich, fuehlt sich ungewohnt an. Ich zu sein fuehlt sich ungewohnt an. Die Sonne ist gerade untergegangen, zwischen mir und dem Hafenbecken ist das Gebaeude des Terminals, doch ich sehe dahinter schwarzen Rauch aufsteigen – das muss die Faehre nach Ancona sein, um 20:15. Annas Faehre. Anna sitzt auf einer Faehre und ich sitze auf einer Parkbank (ohne Park). Ungewohnt fuehlt es sich an, alleine zu sein, nachdem man zwei Wochen lang eine Reiseeinheit war, zusammengeschweisst, mit vier Augen dasselbe gesehen, nebeneinander das gleiche erlebt hat. Ich werde ein bisschen melancholisch an diesem Ort, der wirkt, als waere er nur gebaut worden, damit der Hafen einen Namen hat. Wir waren ein gutes Team, zweifellos, richtig gute Reisebuddies. Verunsichernd auch der Gedanke, allein im Dunkeln auf die grosse Faehre zu gehen, ueber das Meer zu fahren, womoeglich – wer weiss – in ein Unwetter zu kommen, allein. Doch ich straffe die Schultern, scheuche die Moskitos weg, die schon wieder um meine unbedeckten Knoechel kreisen und reisse mich zusammen. „Egal was kommt, es wirdgut, sowieso.“ Das Abenteuer geht weiter.












Spaeter. Dunkelheit durchdrungen von Hafenlaternen, gaehnend riesige Schiffsbauchleere, ein einziger weiterer Rucksacktraeger, Schiff schluckt LKWs, Autos, schluckt mich, bin im Schiff, bin am Schiff, open deck, Helikopterlandeplatz, keine Liegestuehle, improvisiertes Bett aus zwei Plastikstuehlen, egal, Hafenlichter, muede, muede, Blick verschwimmt, nichts, nichts. Aufschrecken, Korfu, Kaelte, noch zwei Schichten Kleidung anziehen, Wahrnehmung verschwimmt mit Kopfhoerermusik und Schiffsdroehnen zu nichts, nichts. Tropfen, Naesse im Gesicht, Regen, schaukeln, Donnergrollen, Blitzlichter, schnell, Sack und Pack ins Schiff, Donnerkrachen, Menschen ueberall verteilt auf Teppichbodenstiegen, dazwischenlegen, Schnarchen, Regengetrommel ueber mir und Passengers Stimme in den Kopfhörern, harter Boden, kalter Boden, egal, Wellen schwanken, Wahrnehmung schwankt, nichts, nichts.
Ich wache auf. Es ist halb sieben – ich bin wieder einmal unsicher, in welcher der Zeitzonen. Dass am ersten Reisetag meine Uhr den Geist aufgegeben hat, wird seinen Sinn gehabt haben. Neben mir am Boden des Schiffes liegt ein Mann, er schnarcht laut, scheint verkuehlt zu sein und wimmert im Schlaf vor sich hin. Seine braunen Haare sind schulterlang; Jesus!, denke ich, allerdings traegt er ein Nasenpiercing. Ob Jesus wohl auch so laut geschnarcht hat, frage ich mich, waehrend ich ueber ihn steige, um zur Decktuer zu kommen. Ich oeffne sie. Die Sonne strahlt mich an wie ein Scheinwerfer, waagrecht, und ein Stueck hinter uns liegt wie eine Mauer die Unwetterfront auf dem Meer. Da sind wir also durchgefahren, denke ich, und der Wind zerrt an meinen Haaren. Ich steige ueber einige weitere am Boden liegende Passagiere, hole mir beim Buffet ein ueberteuertes, koestliches Croissant und einen Tee und setze mich an die Reling des offenen Decks, als einzige. Es ist jedes Mal dasselbe: an Land loest der Gedanke, mit einem Schiff quer uebers Meer zu fahren ein etwas mulmiges Gefuehl aus, aber wenn ich erst einmal an Deck sitze, liebe ich es. Am Horizont erkenne ich ploetzlich etwas, Land in Sicht!, das muss bereits Italien sein. Die restlichen drei Stunden faehrt meine Superfastferry  parallel zur Kueste, ich lese weiter in The Old Man and the Sea und tausche spaeter mit meinem einzigen Mit-Backpacker Reisegeschichten aus. Er heisst Loren, kommt aus Kaliforniern, war zum Inselhopping in Griechenland und faehrt von Bari aus weiter nach Florenz. Waehrend wir plaudern, legt das Schiff an, wir steigen aus, gehen Richtung Zentrum und als ich auf einem Schilf an einer abblaetternden Hausmauer „VENDESI“ lese, realisiere ich es ploetzlich – Italien. Ich bin, wieder, in Italien.



 
 















BARI.


Was bleibt mir in Erinnerung von Bari? Eine Stadt des Suedens ist es, italienisch, aber auf eine andere Weise als ich es gekannt habe bisher. Die kleinen Gassen der Altstadt erinnern mich an Neapel, doch nein, Neapel ist viel duesterer, auch an Palermo, doch das ist viel ungeordneter. Bari ist endlose Meerpromenaden, Fischerkaehne und Segelbootmasten, ist winzig verwinkelte Altstadtgaesschen, Vorhaenge statt Wohnungstueren und davor Bewohner auf Plastikstuehlen, wenn es Abend wird. Marienbilder in jedem Winkel, die chiesa San Nicolo und Touristenschwaerme auf der piazza davor. Faehren, deren riesige Schornsteine die Hausdaecher ueberragen und Rauchwolken in den Himmel schicken, bevor sie die Adria kreuzen, Fiat 500, Maenner mit Sonnenbrillen in Hemden auf Vespas, italienischer Lifestyle. Palmen, Pinien und Platanen, deren Blaetter schon nicht mehr richtig gruen sind. Kaimauern, Ultramarin, gelaterias, bar e tabacchi. Der Weg, immer wieder, vom Bahnhof und meinem Hostel zum Meer, dazwischen grosskariertes Strassennetz. Graffitis mit herzzerreissenden Liebesbotschaften, Lucia 6 la migliora ti amo x sempre. Summende Menschenschwaerme in piazza am fruehen Abend und, sichtbar oder nicht, im Hintergrund immer das Meer.


















Ich wohne im Hostel Blablabla Bari, das in einer Wohnung aus den 30er-Jahren einquartiert ist. Ich unterhalte mich mit ein paar netten anderen Gaesten, lerne eine Oberoesterreicherin kennen, die sogar im selben Zimmer schlaeft wie ich - lustig. Die Tage verbringe ich mit langen Spaziergaengen durch die Stadt und am Meer entlang, ich geniesse das Privileg, aufs Meer schauen zu koennen. Ich mache einen Ausflug nach Polignano al mare, bin enttaeuscht, zu oberflaechlich, touristisch, nichtssagend, fluechte zurueck nach Bari. Ueber Couchsurfing treffe ich Giuseppe, er verspaetet sich, erzaehlt wortkarg von Bari und seinem Leben, zeigt mir eine gute Gelateria und ist dann gleich wieder weg. Ich renne, wie so oft, zum Sonnenuntergang, ans Meer, verpasse ihn knapp, werde von Moskitos gestochen, gehe im Dunkeln zurueck ins Hostel. Wie viele Kilometer ich wohl gehe am Tag? Ich habe eine neue Blase am linken Fuss. Backpacker-Alltag ist, wenn einem abends die Fuesse wehtun. Hostel-Gespraeche und Recherchen fuellen, was vom Abend uebrig ist. Wohin, wohin als naechstes? Rom, jetzt schon? Oder doch noch nach Matera? Erste eine Stunde bevor der Zug faehrt, kann ich mich entscheiden - fuer Letzteres.


eines der weniger romantischen Grafittis

















Samstag, 2. September 2017

Griechenland II

ATHEN.

Oft glauben wir, mit dem Namen gleichzeitig den Ort zu haben. Und oft sehen wir an Orten nur, was wir von ihnen wissen. So aehnlich hat Ingeborg Bachmann das formuliert, und Recht hat sie. Athen, Athen, ein Wort wie goldene Sonne auf jahrtausende altem Marmor, Athen, ein sehnsuechtiger Blick zum Meer am Horizont, Athen, Zypressen, blauer Himmel und die Luft voll Sueden und ganz, ganz viel Geschehenem. Athen, das kennt man, dazu hat man, hatte ich ein Bild ohne es je wirklich gesehen zu haben. Bei Orten mit Namen so grosser Aussagekraft gibt es nichts Unwirklicheres, als ploetzlich einfach dort zu sein.
Vom Bahnhof beschliessen wir, zu Fuss zum Hostel zu gehen und verirren uns, die Rucksaecke geschultert, erst einmal hoffnungslos. Eindruecke stuerzen auf uns ein, Farben, Gerueche, der Stadtteil, durch den wir gehen ist nicht, wie ich mir Athen vorgestellt habe, ist hinter der Kulisse, sieht aus wie irgendwo im nahen Osten. Niemand, wirklich niemand hier ist Grieche. Man ruft uns nach, will uns Sonnenbrillen, Teppiche, Handyhuellen verkaufen. An einer Kreuzung laeuft ein Mann an uns vorbei, Mafia! Mafia!!, ruft er wild gestikulierend. Wir schauen uns verwirrt an. Autos brettern mit Vollkaracho ueber die Strassen, ruecksichtslos, die Ampeln scheinen nur pro forma dazustehen, man muss selber schauen, wo man bleibt. Es stinkt, die Strassen wirken duester und verdreckt. Das also, das ist Athen? Irgendwann finden wir unser Hostel, ein Ruhepol im Chaos rundherum. Wir schlafen in einem Viererzimmer im 9. Stock, haben ein ensuite Bad und einen grossen Balkon, von dem aus man kilometerweit bis zu den Huegeln im Westen der Stadt sieht. Alles ist sauber, neu ausgestattet, Fruehstueck inkludiert, zentral gelegen - und das um 17€/Nacht. Irgendwann raffen wir uns auf und erkunden, landen natuerlich wieder bei einem Frappe im Kaffeehaus, schreiben und beobachten. Griechisch, beschliesse ich, kommt mir Spanisch vor. Ich kratze mich - nach dem 15. Gelsenstich habe ich aufgehoert, mitzuzaehlen. Anna hat einen. Mein Blut scheint auf dieser Reise besonders suess zu sein. 
















Spaeter schlendern wir durch touristische Einkaufsstrassen direkt unter der Akropolis, wir suchen den Eingang und als wir ihn finden, ist es 19:10. Um 20:00 schliesst die Akropolis, doch da man Studentinnen wie uns grosszuegigerweise den Eintritt erspart, hasten wir den Huegel hinauf, zwischen all diesen uralten Steinen, die uns nicht im WEg liegen, sondern ihn nur saeumen und ihre Aura von Geschichtlichkeit verbreiten. Vorbei an einem Amphietheater, wo Opernsaenger ihre Stimmen aufwaermen durch ein Tor, um die Kurve und dann liegt da ploetzlich ganz Athen unter uns, die Haeuser wie Kieselsteine ueber die Haenge verteilt und vor uns die Tempel der Akropolis. Gummisohlen der unzaehligen Touristenturnschuhe quietschen seltsam auf dem glatten Marmor. Es hoert sich falsch an, irgendwie, und am liebsten haette ich meine SChuhe ausgezogen, um barfuss weiterzugehen. Alle machen Fotos, wir auch, sehen die Haelfte des Sonnenunterganges durch die Kamera. Schoen ist er trotzdem. Um Punkt acht scheucht man uns den Huegel hinunter, Sperrstunde. Wir gehen wieder einmal aufs Geratewohl, haetten gegen Abendessen nichts einzuwenden und verirren uns ein zweites Mal im duesteren Gassengewirr, bevor wir endlich in einem kleinen Lokal den wahrscheinlich besten Gyros unseres Lebens essen. Wir atmen durch. In Volos haben wir  uns eine neue Portion Abenteuer gewuenscht - wir sind uns einig, dass sich dieser Wunsch bereits erfuellt hat. 







































 Vom zweiten Tag in Athen nur ein paar Foto-Eindruecke:


supergstoerter-Socken-Donnerstag









PIRÄUS.



Nach unserem zweiten, etwas ruhigeren Tag in der lauten Grossstadt machen wir uns am Freitag auf Erkundungstour zum Hafen von Athen, Piraeus. Auf diese Idee hat uns ein Lied gebracht: "Ein Schiff wirdkommen" heisst es da und auch wir wollen am Kai stehen und auf fremde Schiffe warten. Natuerlich verschlaegt es uns zuerst in die falsche Richtung und wir erkunden erst lange den weitlaeufigen Faehrhafen, der uebrigens auch eine sehr interessante Atmosphaere hat, bevor wir die schoenen Ecken Piraeus' finden. Irgendwann gehen wir eine Gasse hinauf, einfach weil sie uns richtig vorkommt, und als wir oben ankommen ist da endlich, was wir schon die ganze Zeit sehen wollen: Das offene Meer. Der suedlichste Punkt unserer Reise. Wir sitzen auf einer Bank, hinter uns Palmen, zwanzig Meter unter uns ein kleiner Strand und vor uns bis zum Horizont dunkelblaues Wasser. Links karge Berge und die Auslaeufer der Stadt und auf dem Wasser, weit weg, ein paar verstreute Segelboote. Natuerlich waren wir in Thessaloniki und Volos schon am Meer, natuerlich war es auch dort schoen, aber beide Orte liegen in einem Golf und wir sind froh, dass wir es heute noch geschafft haben, am Ende unseres Blickfeldes einfach einmal nichts zu sehen. Auf einmal kommt mir ein Gedanke, ich springe auf, reisse Anna mit, wir laufen die Stiegen zum Meer hinunter, ziehen die Schuhe aus und stellen uns in die Wellen, die an den Strand rollen, springen herum, werden nass, haben danach in den Socken Sand zwischen den Zehen, aber das war es uns eindeutig wert. Am Rueckweg zur U-Bahn, die direkt von Athen nach Piraeus faehrt, machen wir einen Umweg auf die Kuppe des Huegels, auf dem die Stadt liegt und koennen von dort aus die Akropolis sehen. Zurueck im Zentrum setzen wir uns in ein Lokal im Exarchia-Viertel, das ganz in unserer Naehe gelegen, dabei aber um einiges schoener ist. Wir waeren wohl nie hierhergekommen, wenn Tomke nicht vorgeschlagen haette, uns hier zu treffen. Tomke und ich haben uns vor einem Jahr im Zugchaos auf Sizilien kennengelernt und freuen uns beide dementsprechend als wir entdecken, dass wir durch Zufall gleichzeitig in Athen sind. Ein schoener Abschluss fuer Athen und eine weitere Facette dieser chaotischen Stadt. Wir bereuen eindeutig nicht, doch noch so weit in den Sueden gefahren zu sein.