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Freitag, 20. Dezember 2019

dezember / wien

l u x u s g u t

An einem schwarzen Dezemberabend stand ich im Neonlicht eines Supermarktes. Es war ein Freitag, und die Schlange an der Kassa war lang. Zwei Frauen vor mir, eine junge und eine etwas ältere ganz vorne, hinter mir ein Student mit Bierdosen und Chips, ein ungeduldiger Mann, der sich vordrängte, ein Pärchen, zwei junge Mädchen. Die Schlange stockte, nichts bewegte sich. Alle dachten an die zweite Kassa. 

Der Grund für die Unterbrechung des Fließbandes: die erste Frau in der Schlange. Die Kassiererin zog eine große Flasche Eistee, eine Packung Eier, abgepacktes Toastbrot und eine eingedellte Avocado über den Scanner. Sieben Euro fünfunddreißig, sagte sie. Die Frau zählte Centmünzen von einer in die andere Hand. Dann wieder zurück in die erste Hand. Ihr Gesicht, das eingefallen wirkte und abgestumpft, regte sich nicht. Ein kurzes Kopfschütteln, dann sagte sie etwas zur Kassiererin, woraufhin diese nickte, auf den Bildschirm vor ihr tippte und die Avocado auf ein Regal hinter sich legte. Luxusgüter.

Die junge Frau vor mir hatte das Geschehene beobachtet, sie wirkte unruhig, zückte ihre Geldbörse, wollte irgendetwas sagen. Da hatte die andere Frau aber schon ihre Einkäufe und sich selbst zusammengerafft und war durch die automatischen Türen hinaus in die Schwärze gehuscht. Die junge Frau blickte ihr hinterher bezahlte ungeduldig eine Flasche Wein, ein Jogurt und eine Packung Reismilch, dann blickte sie die Kassiererin mit einer plötzlichen Entschlossenheit an. Ich nehm die Avocado auch noch, sagte sie, die da hinten, und deutete auf die eingedellte Frucht. Unwillig scannte die Kassiererin die Avocado zum dritten mal, die junge Frau zahlte und ging, rannte hinaus ohne sich umzublicken. 

Ich beeilte mich ebenfalls zu zahlen und trat kurz nach ihr ins Freie. Sie steckte die Weinflasche in ihre Manteltasche, nestelte an ihrem Radschloss, wobei sie fast den Jogurt fallen gelassen hätte, und radelte los. Fünfzig Meter weiter sah ich den Schatten der anderen Frau, dem sie sich näherte. Kurz bevor sie die andere erreichte sprang sie vom Rad, holte auf, die Avocado in der Hand. Entschuldigung, hörte ich sie sagen, und dann noch einmal, lauter, Entschuldigung. Da drehte sich die andere zerstreut um und sah sie an. Die junge Frau hielt ihr die Avocado hin, wortlos. Sie blickten sich an, blickten auf die Avocado, und auf einmal war das Gesicht der anderen Frau gar nicht mehr eingefallen. Es regte sich, es leuchtete und wurde überdeckt von einem Lächeln, das die Frau auf einmal schön aussehen ließ, und besonders, und stolz. Sie nahm der anderen die Avocado aus der Hand, danke, sagte sie, mit Nachdruck, mit Aufrichtigkeit und mit Wärme, die aus ihren Augen strahlte. Gern, sagte die andere, einen schönen Abend noch, und stieg aufs Rad. 

Wiedersehen, sagten sie beide. Und beiden, als sie sich voneinander wegdrehten, blieb das Lächeln der anderen auf den Lippen hängen.

Sonntag, 29. September 2019

f.reise.in



i n t e r r a i l  2 0 1 9









p r a h a

Ich hörte das Prasseln von Regentropfen auf das Plexiglasdach einer Prager Kavarna. Er höre nur die Musik, meinte Philipp; ob es tatsächlich wieder regne? Aber ja, erwiderte ich, schau doch, man sieht sogar die Tropfen; aber er schien es nicht glauben zu wollen.
Schwere Wolkenteppiche hatten von Süden kommend dunkles Herbstlicht über die Schwüle des Vormittags gebreitet. Langanhaltendes Poltern war über die Stadt gerollt, bevor endlich die ersten Tropfen gefallen waren. Unter einer Brücke auf einer Insel in der Moldau hatten wir einen der heftigeren Regengüsse abgewartet,

// Sind hier die Brücken heil, geh ich auf gutem Grund //

bevor wir endlich in diesem Kaffeehaus Schutz gesucht hatten. Philipp deutete auf eine schwarze Tafel an der Wand hinter mir. Malina stand dort. Himbeerlimonade.
Als der Kellner unsere Bestellung brachte, fiel mir das tschechische Wort für Danke wieder nicht ein.

// Grenzt hier ein Wort an mich, so lass ichs grenzen //

Thank you, sagte ich, unzufrieden.
Die linke Wand im Eingangsbereich des Cafés war bedeckt mit Büchern. Ich entdeckte einen Band von Stefan Zweig. Ob sich zwischen all den Konsonanten auch Texte von Kafka befanden, konnte der Kellner mir nicht beantworte.
Irgendwann ließ das Klopfen nach. Unter der Karluv Most flossen langsam graue Wolken dahin, und Reflexionen der Möwen am Himmel zogen wie schwarze Fische hindurch. Nervöse Blitze beleuchteten den Hradschin und wieder krachten Donner wie Paukenschläge. Straßenmusiker mit schwarzen Kapuzen begleiteten sie, und bei jedem Krachen ging ein Raunen durch die bunten Menschengruppen auf der Brücke. Am Rand stehend hörten wir im Gewitterwind nur das gemeinsame Konzert von Straßenmusikanten und Donnerpauken, dazu unter uns das Ballett der Möwenfische. Ich legte eine kleine weiße Muschel an den äußersten Rand des steinernen Brückengeländers und blies darauf, bis sie wie ein Blütenblatt in die dunkle Moldau segelte.

// Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder
und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land //

In der Mitte des Tages hatten wir im luftig hellen Praha 10 ein Schiff entdeckt. Es fuhr stehend in den blassblauen Himmel, der durch das riesige Steuerrad blickte. Das Schiff war eine Kirche und das Steuerrad die Uhr in ihrem schiffsbrückenhaften Aufbau.
Kein Kirchenschiff, sondern eine Schiffskirche, sagte Philipp.

// Und irrt euch hundertmal
wie ich mich irrte, und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal
Wie Böhmen sie bestand, und eines schönen Tags
ans Meer begnadigt wurde, und jetzt am Wasser liegt. //

Die Tür der Kirche blieb uns verschlossen. Stattdessen folgten wir dem Wink des futuristischen Fernsehturms. Jeden Moment schien er abheben zu wollen wie eine Weltraumrakete aus den Zeiten des Kalten Krieges. Riesige, nackte Kleinkinder aus Metall krochen auf Knien über die Stahlkonstruktion. Es hätten auch Aliens sein können. Mitten einer angenehm ruhigen Wohngegend in Praha 3 stand der Bau. Ein schweigender Hausfriedensbruch. Dafür direkt daneben ein Versuch des ewigen Friedens: der alte jüdische Friedhof. Wie ruht es sich an einem solchen Ort?

// Steinwald, keine vorzüglichen Gräber, nichts zum Hinknien
und für die Blumen nichts. So eng ist dort ein Stein, wie den
andren um den Hals fallend, keiner ohne den andern zu denken,
und für die Lebendigen einen Spaltbreit Durchlass gewährend,
trauerlos, wer den Ausgang erreicht, hat nicht den Tod,
sondern den Tag im Herzen. //

Wir wanderten durch den Steinwald, wenig beachtet schien er zu sein, und vielleicht kam daher sein Ausdruck. Auf den steinernen Tafeln häuften sich wiederum Steine im Angedenken der Toten – auf manchen Gräbern mehr, auf manchen weniger.
Stille und wucherndes Unkraut. Im Hintergrund der Fernsehturm.
Friedhöfe sind doch letztendlich nur für die Überlebenden da, hatte Philipp gemeint. Wie ein Schulterzucken hatte es geklungen. Rund um diesen Ort der Vergangenheit und dessen, was einmal für die Zukunft gestanden hatte, lebten die Menschen Prags in ihren Häusern, die grün waren oder nicht, genauso schulterzuckend vielleicht – als wäre dies der Anblick, den ein Innenhof zu bieten hätte.
 
An einem weiteren Tag, als der Regen nachgelassen hatte, besuchten wir den neuen jüdischen Friedhof. Dort kein Steinwald. Wir, die Lebendigen, schritten über breite Wege, und grau knirschte der Kies unter unseren Füßen. Wir legten eine Muschel zwischen die Steine unter einer Gedenktafel für ermordete jüdische Künstler. Zwei weitere Muscheln legten wir auf Kafkas Grab. Als einziges weit und breit war es nicht von Efeu überwuchert, und sein Name der einzige, vor dem ein Titel prangte. Dr. Franz Kafka. Untreu erschien es mir – untreu, für Kafka. Umschiffbar, diese Untreue, vielleicht nur durch Falschlesen. Dr. Franz Kafka vielleicht in Wahrheit gar nicht Doktor. Vielleicht stattdessen Dichter. Denker. Durchbrecher.
Ein kühler Wind wehte Philipp zum hundertsten Mal die geliehene Kippa vom Kopf. Als wäre sie nur hierfür gemacht: dass der Uneingeweihte sie, wieder und wieder sich bückend, mit der Hand vom Boden aufhebe.
Das war gut, dass wir hier waren, sagte ich, als wir wieder auf der Straße standen und niemals gleiche Straßenbahnen an uns vorbeizogen. 
Philipp lächelte. Wer den Ausgang erreicht, hat nicht den Tod, sondern den Tag im Herzen, sagte er.






(zitiert aus den Gedichten Böhmen liegt am Meer und Jüdischer Friedhof von Ingeborg Bachmann)
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t o r u ń  -  c h e ł m ż a


Ich hörte das Fauchen einer Kakerlake auf der Hand meines polnischen Gastgebers. Do you want to hold it, fragte Wojtek und hielt mir das schwarze, fingergroße Insekt hin. Ich schüttelte den Kopf, streckte dann aber doch die Hand aus, um vorsichtig den glatten Panzer zu berühren, bevor Wojtek das Insekt wieder in die mit einem Netz verschlossene Plastikbox setzte, in der sich noch mindestens zehn seiner Artgenossen befanden. Ich lachte. Moments like this, that’s why I love Couchsurfing, sagte ich. Something like this would never happen in a hostel.

Well, maybe only in a very bad hostel, erwiderte Wojtek mit einem verrutschten Lächeln. Oft schien es mir, als wäre er das Lachen nicht so richtig gewohnt – nicht mehr, vielleicht. Als hätte er es ein wenig verlernt, und als ob er, wenn es doch dazu kam, sich nicht ganz sicher fühlte mit diesen Bewegungen seiner Gesichtsmuskeln.

Wojtek arbeitete im Zoo in Toruń. Er stand kurz vor dem Abschluss seines Masters im Bereich Tierpflege, und in seinem Zimmer hing eine Europakarte mit Nadeln für all die Städte, deren Zoo er bereits besucht hatte. Sein Beruf war seine Leidenschaft. Zögerlich und stolz zugleich zeigte er mir eine Kiste mit Fundstücken, eine Schlangenhaut, ein Haar aus dem Büschel am Ende eines Elefantenschwanzes. Ob ich eine Pfauenfeder wolle, fragte er – er habe ohnehin viel zu viele davon.
Nach vier Jahren des Studentenlebens in Wohngemeinschaften in Bydgoszcz, Gdańsk und Praha wohnte Wojtek nun wieder in seinem Elternhaus bei Chełmża, nicht weit von Torun. Seine Eltern hatten mich polnisch mit drei Wangenküssen begrüßt, und als ich ihr einen Blumenstrauß als Gastgeschenk überreichte, küsste mich Wojteks Mutter gleich noch ein viertes Mal. Basia, danke!, rief sie strahlend, und ich wusste, ich war am richtigen Ort. Soll ich deine Wäsche waschen, fragte Yola mich am Morgen und ergänzte nach einer kurzen Pause lächelnd: Ich freue mich, dass du noch eine Nacht bleiben möchtest!
Das ist das Land, Basia, erklärte sie beim Frühstück und deutete auf die nebligen Felder, die kleinen Landstraßen und die Weite vor den Fenstern des hellen Hauses, während sie mir Tee nachschenkte. Dass ich hier in Polen Basia, als Kurzform für Barbara,  genannt wurde, daran hatte ich mich bereits gewöhnt – bald so sehr, dass es mir richtiger und passender erschien als mein ungekürzter Name. Yola sprach kein Englisch und ihr Deutsch hatte sie lange nicht mehr gebraucht. Neben ihrer Tasse am Frühstückstisch lag ein abgegriffenes Wörterbuch mit braunem Umschlag und abblätternden Goldbuchstaben: Niemicki – Polski, Polski – Niemicki. Ob ich keine Angst hätte, alleine bei fremden Menschen zu übernachten, fragte sie. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass Menschen wie sie und ihre Familie das beste Beispiel dafür waren, dass Angst zu haben sich viel zu selten lohne. Eigentlich nicht, sagte ich stattdessen und hoffte, dass sie den Rest aus meinem Lächeln lesen konnte.

Am Abend meiner Ankunft, nachdem wir von Toruń kommend über eine schnurgerade Landstraße Richtung Westen gefahren waren und der ganze Himmel, der in Polen weiter war als irgendwo sonst, uns entgegen geleuchtet hatte; an diesem Abend nahm Wojtek mich und Dora, seinen Labrador, mit auf eine Spaziergang durch seine Heimatstadt Chełmża. Ich beschloss, den nächsten Vormittag dort zu verbringen. Eine Stadt, die ich niemals gefunden hätte, hätte ich sie gesucht. Eine alte Stadt, viel älter als viele andere Städte in Polen. Eine Stadt direkt an einem See, mit Gassen voller kleiner Piekarnias und Geschäfte, voller Menschen, die sich begegnen, plaudern und ihre Einkäufe erledigen, mit dem ältesten Kirchenchor Polens, mit einem Friedhof, der bunt ist von all den Blumensträußen auf seinen Gräbern, mit einem Namen, der weich klingt wie eine Umarmung, wenn er richtig ausgesprochen wird und mit einem kleinen Tourismusbüro, in das niemand sich jemals verirrt.
Wirklich, hatte Yola gefragt, in Chełmża willst du den Vormittag verbringen? Wird es nicht zu lang sein?

Der Fahrkartenautomat am Bahnhof war kaputt und im Zug nach Toruń bildete sich ganz vorne, beim Schaffner, eine lange Schlange. 2 Zloty 90 Groschen für eine Fahrt durch den Regen, der auf die Ebenen fiel. Der Wind wehte in mir in Toruń ins Gesicht und ich war froh um die Nylonstrumpfhose, die ich in einem der kleinen Geschäfte in Chełmża gekauft und sofort unter meiner Jeans angezogen hatte.
Warum ich sie dort gekauft hätte, fragte mich Wojtek, als ich ihn bei seiner Arbeit im Zoo besuchte, wo ich doch zur großen Drogeriekette am Rand der Stadt hätte gehen können?
Die Erdmännchen, die Emus, die Kängurus und die Lemuren – alle Tiere hoben den Kopf oder kamen zum Zaun gelaufen als ich mit Wojtek vorbeiging. Vorsichtig und gewissenhaft, als hätten sie Angst, etwas fallen zu lassen, nahmen ihm die roten Pandas Apfel- und Karottenstücke aus der Hand. Ob ich wisse, dass weibliche Schleiereulen braun gefleckt seien?, fragte Wojtek. Bei Hedwig sei J. K. Rowling hier wohl ein Fehler unterlaufen, ergänzte er und lächelte verrutscht.
Als ich später, nach einem weiteren Rundgang durch Toruń im verregneten Halbdunkel in Chełmża aus dem Zug stieg, holte er mich mit dem Auto ab. Er habe sowieso etwas bei Lidl zu besorgen, erklärte er und kaufte dort nichts außer einer Flasche Geschirrspülmittel.
Im letzten Licht begleitete ich Yola auf ihrer Runde durch die Felder. Ich mag den Herbst am liebsten, Basia, sagte sie, als der Wind Blätter über den nassen Asphalt jagte.
Vor Wojteks Laptop sitzend tauschten wir Musik: SDM und Slawomir gegen Wanda und Wiener Blond. In dem kleinen Club in Chełmża, dessen Eingang zwischen finsteren Wohnhäusern nur Eingeweihte finden konnten, hatten wir am Vorabend begonnen, über Musik zu sprechen als „Sobie i Wam“ gelaufen war, zweimal hintereinander, als hätte der DJ gemerkt, dass mir das Lied gefiel. Am Heimweg war Wojtek redseliger gewesen als sonst. Das eine polnische Bier hatte genügt; oder vielleicht war es auch einfach die seltsame Unterbrechung seiner Alltage, die mein Besuch bedeutete. Aus einer kleinen Bar schallte laut polnische Partymusik, und diesmal wirkte Wojteks Lachen endlich, als wäre es am richtigen Platz.
Do you like dancing, fragte ich schmunzelnd.
Yes, erwiderte Wojtek. I’m not a good dancer, ergänzte er nach einer kurzen, nachdenklichen Pause, - but I do like dancing.


 




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k ö l n



Ich hörte Orgelspiel, das gedämpft durch eine Seitentür des Kölner Doms nach außen drang. Vor der Tür stand ein Auto, aus dem ein Mann seit einiger Zeit Kiste um Kiste zerrte, um sie direkt vor dem Eingang in Stapeln abzustellen. Wir kamen bereits zum zweiten Mal hier vorbei. Nicht weit entfernt von dem Mann blieben wir erneut stehen und schauten, den Kopf in den Nacken gelegt, an der riesigen Fassade des Doms hoch.
Ich frag jetzt einfach, sagte Anna und ging zu dem Mann, dem wir zweifellos ohnehin bereits aufgefallen waren. Um 22:30 an einem Freitagabend treiben sich selbst vor der größten gotischen Kirche der Welt nicht ganz so viele Menschen herum. Gibt es vielleicht noch eine Möglichkeit, heute den Dom von innen zu sehen, fragte Anna, und wir beide schauten den Mann hoffnungsvoll an. Leider, antwortete er, das sei heute  nicht mehr möglich. Er müsse nur Sachen für das morgige Konzert abladen. Wir nickten, schade, aber das verstehen wir natürlich, sagten wir. Trotzdem blieben wir in der Nähe des Mannes und schauten weiter auf die Kirche. Sie ist so riesig, wiederholten wir, ein bisschen lauter als nötig, das gibt’s doch gar nicht. Sechshundert Jahre lang ist daran gebaut worden, sagte Anna. Was, erwiderte ich ungläubig, 600 Jahre, das kann doch nicht sein, doch wirklich, meinte Anna, schau, von 1248 bis 1880. Wahnsinn, stell dir das einmal vor, wie viele Generationen von Menschen nur an diesem Dom gebaut haben, meinte ich. Ja, und dann noch diese ganzen Details, sagte Anna.
Da meldete sich der Mann zu Wort. Und ihr fahrt also morgen schon, ja? Woher kommt ihr denn? Wien, soso. Na, wenn ihr sonst wirklich keine Gelegenheit bekommt, den Dom von innen zu sehen ... um 23:00 werden wir hier reingelassen. Ihr könnt ja einfach ein paar Kisten schieben und kurz mitkommen.

Gleich kommt einer der Domschweizer, um uns aufzumachen, hatte der Mann gemeint, und 15 Minuten später öffnete sich tatsächlich die riesige Seitentür und wir wurden eingelassen. Bemüht, nicht aufzufallen und nur ja keine Kisten umzuwerfen, betraten wir den Kölner Dom. Ich warf verstohlene Blicke nach oben, rechts, links. Noch beeindruckender, noch mächtiger, noch größer, falls das denn möglich war, erschien die Kirche von innen. So groß, dass man sie mit einem oder auch mit zehn Blicken unmöglich erfassen konnte. Unter den wachsamen Augen der Domschweizer stellten wir die Kisten ab und gerade als wir anfingen, unverhohlen die ganze Mächtigkeit anzustarren, setzte das Orgelspiel wieder ein.
In mäßiger Lautstärke zuerst, als handele es sich um irgendeine Orgel in irgendeiner Kirche. Ein wenig lauter, ein wenig leiser werdend, die Grenzen fast unmerklich austestend im Lauf des Stückes, als ob sie sagen wollte: da ist doch nichts dabei. Nach einiger Zeit aber, als würde ein Windstoß die Musik erfassen und versuchen, sie davonzutragen, wurden die Töne wilder, stärker, entschiedener. Mezzoforte, die großen Pfeifen der Orgel kamen dazu, langsam, aber stetig begann sich all der Raum im Kirchenschiff zu füllen mit Klang. Mehr und mehr, schneller, ungestümer, und irgendwann dann forte, der Raum jetzt voll von Tönen, dass die Luft zu schwingen begann – fast konnte ich es sehen im gedimmten Licht der Leuchten. Schweigend schaute ich in Richtung des riesigen Instrumentes als könnte ich den Klang durch meine Augen aufnehmen. Die Königin der Instrumente, das ist die Orgel, hatte einmal jemand zu mir gesagt, und nirgends war es zweifelloser als hier. Eine letzte Böe, der Schlussakkord, nachhallend in der Leere des Bauwerks; der ganze Dom vielleicht nichts anders als der Korpus dieses Instrumentes. Irgendwann Stille, stiller als zuvor, im Kopf immer noch Nachklang, der Sturm aber weitergezogen.

Als wir wieder am Domplatz standen, nachdem wir vom Domschweizer wieder entlassen worden waren und dem Musikus, der unser Schleuser gewesen war, nochmals gedankt hatten, hielten wir inne. Ist das gerade wirklich passiert, fragte ich, ja, sagte Anna, wir waren gerade im Kölner Dom, wir sind einfach eingeschleust worden und dann waren wir drin. Wir waren im Kölner Dom, wiederholte ich. Wir waren im Kölner Dom und die Orgel hat gespielt.





 

Samstag, 2. März 2019

südosten und meer



z a g r e b


Ich hörte* eine leise Melodie, die einer der Männer am Tisch neben mir im Café summte.
Der Februar lag wie ein verblichenes Tuch in der Luft und verschleierte die Sonne. Die Wärme, die ich trotzdem auf meinen Wangen spürte, vermischte sich mit der Musik und hüllte mich ein. Ich bestellte auf Englisch einen Kaffee. "Može", erwiderte der Kellner und wunderte sich wohl, was mich an diesen so zufälligen Ort verschlagen hatte. Voltino. Ein Name mit dem Klang einer Geschichte oder eines erfundenen Ortes; und doch, in Wirklichkeit, der Name einer Wohngegend im Osten von Zagreb.

Der kleine Park vor dem Café war umstanden von grauen Plattenbauten, die alle gleich und alle anders aussahen. Zwischen den Fenstern spannten sich Wäscheleinen, farbige Flecken, die noch bunter wirkten auf dem farblosen Zement. Dasselbe Bild auf der Wiese vor mir: einzelne Gänseblümchen, lila Krokusse und Schneeglöckchen, leuchtend im schmutziggrün verbrauchten Gras. Ich lehnte mich zurück an diesem Ort, an den es mich verschlagen hatte, auf rechtwinklig verschlungenen Wegen im Rasterformat.
Schön - wie das bewahrte, bestuckte Stadtzentrum - war Voltino nicht.

Ich hatte hier nichts zu suchen.

Vielleicht lag darin der Ursprung eines Gefühls von Friedlichkeit, das sich mit dem dumpfen Sonnenlicht über mich breitete. Der Kaffee war stark und schmeckte bitter. Bilder der letzten Tage zogen an mir vorbei.

Das ungezwungene Ufer der Sava in der Abenddämmerung, im Spiegel der Kanäle gebannte Silhuetten kahler Bäume, der Fluss und etwas wie Frühling in der Luft, beleuchtet von verwaschen sinkendem Rot im Westen und dem gegengleich aufsteigenden, metallenen Vollmond im Osten. Ratternde, blaue Straßenbahnen auf endlos langgestreckten Querstraßen. Die kroatische Flagge im dunstigen Licht über anderssprachigen Schildern: Pekarne, Kave, Tisak. Rote Ziegeldächer und Kirchtürme neben überblickenden, weißen Klostermauern. Morgens Sonnensprenkel an der weißen dunklen Wand im Zimmer. Kroatisch- und deutschsprachige Poesie, ausgesprochen hinter dunkelnden Auslagescheiben. Nebensächlich behandelte Aussichtspunkte im Plattenbau, die Terrassen sein könnten und doch nur als Abstellplatz für Fahrräder verwendet werden. Vielsprachiges Reden zwischen Wein- und Rakijagläsern über den zerstreuten Lichtern der Stadt. Und jetzt Voltino.

Može, dachte ich und winkte, als ich Lucia um die Ecke biegen sah. Može.
























































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t r i e s t e



Ich hörte den Schrei einer Möwe, mit dem sie ihren sturzfliegenden Angriff auf die Glätte des Meeresspiegels ankündigte. Dahinter beständig das Brausen der Autos am Lungomare und das gedämpfte Dröhnen eines Öltankers, der in diesem Moment in den Hafen von Trieste einlief.
Ich saß auf einer steinernen Bank am fast äußersten Punkt der großen Mole, und ungläubig schweifte mein Blick über das Meer. Etwas schemenhaft zwar und stellenweise verschleiert war es, doch ich konnte mehrere hundert Meter weit sehen. Zwei Segelschiffe zogen vorbei - ich hätte nicht sagen können, ob sie durchs Wasser oder durch den Nebel darüber fuhren. Die Zeile des Horizontes blieb mir an diesem Tag unlesbar; doch die Piazza Indipendenza hinter mir konnte ich sehen, auch die Hügel, deren Hänge die Stadt dem Meer entgegenschieben, und die Spiegelung des verrosteten Krans im porto vecchio. All diese Sichtbarkeiten staunte ich an.

Zwei Jahre zuvor hatte ich Triest bereits einen Besuch abgestattet. Es war, wie auch dieses Mal, im Februar gewesen. Mein Aufenthalt war mit Nebel empfangen, von Wolken und Regen begleitet und in einer heftigen bora scura, dem für die Stadt typischen Wind, wieder verabschiedet worden. Ich hatte mich in Bars und Kaffeehäuser geflüchtet, hatte zwar italienischen Cappuccino getrunken, doch nur einmal, wie aus Pflichtgefühl, hatte sich mir für wenige Minuten das Meer gezeigt, wegen dem ich doch eigentlich gekommen war.

Diesmal sah ich es kurz schon in den Lichtresten meines Ankunftstages, halbverdeckt und schüchtern abenderrötend. Doch als ich ein paar Stunden später mit meinen neuen italienischen Freunden im Dunkeln auf die Mole spazierte, war das Meer, waren die Berge und waren bald auch wir vollkommen verschluckt vom Nebel - genau wie zwei Jahre zuvor. Meine Freunde waren fasziniert: noch nie hätten sie Triest so gesehen, nie eine solche vollkommene Verhüllung des Meeres miterlebt. Ich scheine den Nebel zu bringen, sagten sie. Ich hatte keine derartigen Intentionen.

Auch am nächsten Morgen blieb das Meer noch unsichtbar, trotz blauer Himmelsflecken und einzelner Sonnenstrahlen, die hindurchfielen. Wieder flüchtete ich mich in eine Bar; sie war über und über behängt mit Wappen auf Holztäfelchen und verblichenen Fotos vorbeigezogener Zeiten. Trieste sei ein Sumpf gewesen, bevor die Österreicher gekommen wären und eine Stadt daraus gemacht hätten, erklärte mir der Barbesitzer, als ich meinen Cappuccino bezahlte. Vor den Barfenstern war die ganze Zeit über Grau gestanden, doch als ich vor die Tür trat, war zum ersten Mal das durchschimmerne Himmelblau nicht mehr zu leugnen. Ein Blick aufs Meer bestärkte mich: ich konnte etwas sehen. Mit einem Mal ging ich leichter. Als ich die Mole erreichte, vertrieb gerade ein eiskalter Windstoß einige dünne Nebelschwaden.

haben die möwen deinen fluchtpunkt erkannt
stadt aus papier, von worten gebannte stadt**

las ich flüsternd dem Meer vor, und eben da hörte ich die Möwe, verkündend vielleicht auch, dass sie den Fluchtpunkt gefunden hatte. Eiskalte, mit Meer gefüllte Luft strich mir um die Beine,

in deiner bucht
traf meine sprache aufs gleißende meer

las ich, aufblickend. Eine fadenscheinige Wolke verschob sich Richtung Osten. Direkt vor mir fiel die Sonne jetzt ins Wasser, Gleißen und Glitzern füllten mein Blickfeld und endlich traf wirklich das Meer auf mich.

























































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l j u b l j a n a


Ich hörte, wie die hölzerne Tür des Antiquariats hinter mir zufiel. Es lag seltsam unpassend in der Polanska cesta, einer pittoresken Gasse voller eleganter und herausgeputzter Geschäfte. Diese Andersheit, dazu die Bücher und der eiskalte Wind, der durch die Gasse strich, hatten mich eintreten lassen. Der Besitzer des Antiquariats, ein älterer Mann, saß an einem Schreibtisch rechts von der Tür. Er blickte auf und sagte etwas auf Slowenisch. Ich würde ihn leider nicht verstehen, erklärte ich auf Englisch, wolle mich aber nur ein bisschen umschauen.
Die Regale standen dicht gedrängt. Die Bücher darin waren geordnet, die Kategorien beschriftet. "Filozofija", las ich, und ein dicker Band von Gramsci sprang mir ins Auge, "Français", "Deutsch" und schließlich in der hintersten Ecke: 

"Poezija"

Ich zog dünne Bände aus dem Regal mit der Aufschrift "Poezija slovenska", auf der Suche nach einem zweisprachigen Gedichtband. Prešeren, der slowenische Nationaldichter, unter dessen Statue am Hauptplatz Ljubljanas ich ein paar Stunden zuvor gesessen war, fiel mir in die Hände. Ich blätterte mich durch Seiten voller Konsonanten und Hatscheks, versuchte, mir die Zeilen vorzulesen, hörte nur Signifikanten, verstand kein Wort. 

Kann einem Lyrik etwas sagen, wenn man ihre Sprache nicht spricht? 

Ich ging nach vorne zum Besitzer, fragte auf Englisch nach zweisprachigen Lyrikbänden slowenischer Dichtender. Zuerst verstand er mich nicht, holte Wörterbücher hinter dem Tresen hervor: Englisch-Bosnisch, Slowenisch-Italienisch. 
Ich schüttelte den Kopf: "Poezija!", sagte ich, und da blitzte es in seinen blauen Augen. Er sprang auf, ging, hastete fast zu den Gedichtbänden und begann, darin herumzukramen. Kurz hielt er inne, sprach mir fremde Worte in einem singenden Tonfall - ich erkannte, dass er aus dem Gedächtnis ein Gedicht rezitierte. 

Er hatte jetzt verstanden, was ich suchte; doch außer einem slowenisch-ungarischen und einem slowenisch-russischen Band fand auch er nur Worte mit Hatscheks als Hüten. Beiläufig zog er ein Buch hervor, dann ein zweites: "Editor", sagte er, deutete auf einen Namen auf der ersten Seite, dann auf sich. "Wirklich?", rief ich, woraufhin er zum Beweis sein Portemonnaie öffnete und mir seinen Ausweis zeigte. "Dušan Cunjan" stand dort, genau wie in den Büchern. Von irgendwo holte er ein weiteres Buch, ein roter Stern prangte auf dem Einband. "Autor", sagte er, winkte dann aber bescheiden ab. Es seien Essays, nur Essays, gab er mir zu verstehen. 

Ich beschloss, eines der von ihm herausgegebenen Bücher zu kaufen. "Dieses oder dieses?", fragte ich ihn, die Bände abwechselnd hochhebend. Er zeigte nachdrücklich auf eines von Blaz Ogorevc. Für vier statt für sieben Euro würde er es mir verkaufen, bedeutete er mir und ich spürte seine Freude über mein Interesse. 

"Barbari, ja spomin": zur Erinnerung, schrieb er mir in mein neues Buch. In einer namenlosen Sprache begannen wir uns zu unterhalten; er sprach Slowenisch, ich abwechselnd Deutsch und Englisch, und gemeinsam gestikulierten wir gegen die Sprachgrenzen an.  Woher ich käme, fragte er, was ich studiere und wie alt ich sei. "So jung!", rief er wohl, die Hände zusammenschlagend, als ich antwortete. Er sei aus Bosnien, aus Banja Luca, doch leben seit 40 Jahren in Slowenien. Er fragte, ob ich Poetin sei, und schrieb mir seinen Namen und das Wort "Locutio" auf einen kleinen blauen Zettel - so  könne ich seine Gedichte im Internet finden. Dann zog er mich noch einmal zum Lyrikregal und schenkte mir einen weiteren Band.

"Hvala!", sagte ich, und meinte es von ganzem Herzen. 

Wir schauten uns an inmitten unserer verwirrten Worte - der Grenzfluss unserer Sprachen war zu einem Rinnsal geworden, wir beide spürten es. Und zwischen all den Lauten, deren Bedeutungen wir uns nicht erschließen konnten, wussten wir in diesem Augenblick doch ganz genau, dass wir uns  v e r s t a n d e n. 

"Hvala", sagte ich noch einmal, lächelte Dušan zu und trat mit einem warmen Gefühl durch die hölzerne Tür auf die Gasse, durch die immer noch derselbe, klirrend klare Wind wehte.
Der zweite Gedichtband würde das Gastgeschenk für meine beiden neuen slowenischen Freundinnen sein, eine Lyrikerin und eine Übersetzerin, die mich in ihrem Haus, dort, wo Ljubljana an den Wald und die Hügel grenzt, beherbergten. Ich würde sie bitten, mir dann von den Gedichten und dem, wovon sie sprachen, zu erzählen.

Vielleicht, dachte ich, während ich mich wieder der Statue von Prešeren näherte, ist es wirklich so. Vielleicht ist keine gemeinsame Sprache nötig, um sich zu verständigen. Vielleicht genügt die Liebe zu den Worten. Vielleicht reicht die Poesie.































































 
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* Erzählanfang inspiriert von dem Buch "Atlas eines ängstlichen Mannes" (Christoph Ransmayr)
** aus dem Gedicht "trieste trst triest" (Maja Haderlap)