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Samstag, 13. März 2021

w i e d e r g r ü n

In der grauen Dezemberwüstnis habe ich eine Handvoll Zweige von einem kahlen Kirschbaum abgebrochen, hastig, dass mich keiner sieht bei diesem Gewaltakt. Nach unten an den Fuß des Hügels habe ich sie getragen und dann wieder hinauf in den vierten Stock, ins Dachgeschoß, und unter dem Grau der Dachfenster habe ich sie ins Wasser gestellt, die leblosen Zweige, als hätten sie mich darum gebeten, als könnte ich mir einbilden, sie zu retten vor irgendetwas. Wenn nicht vor dem Grau, das haltlos durch die Fensterscheiben in unsere Küche einfällt an Wintertagen, so zumindest vor der Kälte, die sie ohnehin nicht spürten, nur ich spürte sie, im Gesicht und an meinen klammen, unbeweglichen Fingern.

Natürlich ist nichts passiert.

Die Zweige, gleichmütiger als ich, haben sich ihrem Schicksal, eingeschlossen zu sein in dieser hängenden Wohnung, ergeben. Dort in der Küche sind sie gestanden, unverändert ungerührt, und ich bin gegangen und habe sie zurückgelassen, und vergessen habe ich sie während meiner Abwesenheit, aber selbst das war ihnen vollkommen gleichgültig.

Dann kam ich wieder, es war Ende Jänner, und ich sah die Zweige, und ich erinnerte mich daran, sie vergessen zu haben. Da erkannte ich, dass meine Nachlässigkeit und ich vollkommen unwichtig waren – denn jetzt waren die Zweige voller kleiner, weißer Blüten, und nichts war klarer, als dass sie für niemand anderen blühten als für sich selbst. Monatelang ausgestellt in einem leeren Bierglas an der Kante unserer Küche, die Füße im Wasser, ansonsten losgelöst von ihrem Stamm und ihren Wurzeln und von dem ihnen nachgesagten Zweck, später, im Sommer, Früchte zu tragen. Wie die Sonde eines Raumschiffs im Weltall; so losgelöst, dass ich mich, während ich die Blüten betrachtete, fragte, ob das überhaupt noch etwas war, das ich Kirschbaum nennen durfte (Kirschzweig, dachte ich dann, von Anfang an waren es Kirschzweige; niemand sagt: ich habe ein Stück Kirschbaum mitgebracht, zum vierten Dezember).

Die Blüten sind stehen geblieben als wollten sie um etwas werben, über zwei Wochen, dann, langsam, haben sie zu welken begonnen. Vergilbt waren sie danach – auch das war ihnen egal –, wochenlang. Ab und zu ist trotzdem das ein oder andere grüne Blatt herausgekommen, jedes Mal hat es mich wieder erstaunt, ein bisschen zumindest, im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel; dass diese Zweige so absolut, so ganz und gar nichts brauchen, keinen Boden, keine Nährstoffe, keine Zugehörigkeit, keine Verankerung, dass sie einfach schweben im Wasser in diesem leeren Bierglas, unbehelligt, und dann trotzdem: diese Knospen. Seltsam, habe ich gedacht, manchmal, im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel.

Zeit verging, es blieb Winter, dann war es Winter immer noch, aber anders, und heller, und irgendwann nahm das Helle schleichend überhand. Womöglich habe ich es nur daran gemerkt: dass die Kirschzweige, die vogelfreien, nach drei Monaten der Isolation im Weltraum unserer Küche, dass die schwebenden Kirschzweige am vierten März aufs Neue zu blühen begannen.