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Freitag, 15. September 2017

Italien III

PERUGIA.

Ciao Giulio, schreit der Italiener hinter uns in sein Telefon, zum dritten Mal in zwanzig Minuten, ciaaaaooo, cioééé, so che ti sposi presto ma dobbiamo comunque risolvere questa problema! Ich spuere foermlich den Luftzug seiner wild hinter meinem Kopf gestikulierenden Haende. I wonder, raune ich Chloe zu, what his big problem with Giulio is all about! Chloe schaut mich ernst an. I think he's secretly in love with Giulio, fluestert sie zurueck. Ich nicke. That makes sence. No wonder he's upset, with Giulio getting married and all... Wir lachen. Seit wir vor ueber einer Stunde in den Bus nach Perugia gestiegen sind, sind kaum zwei Minuten vergangen, in denen der Italiener hinter uns nicht telefoniert hat. Mit einer Lautstaerke telefoniert er, als muesse er ohne Mikrofon eine Vorlesung im Audimax halten. Ich seufze, aber gleichzeitig muss ich grinsen. Ueber die Situation, die so typisch Italienisch, typisch suedlaendisch ist und über den mitteleuropaeischen Aerger, der immer in mir aufwallt, wenn hinter mir ein neues Pronto!!!! erschallt.
Die Landschaft ist huegelig geworden, hilly, and familiar. Umbria. Ab unserer Ankunft in Perugia ist alles ein einziges Wiedererkennen. Die roten Schienen der Minimetro, die blauen Busse, die mit undurchschaubarer Systematik vom Bahnhof abfahren und das Gerumpel, als wir es in den Bus D Richtung Pila geschafft haben. Das Ortsschild von Case Nuove, die unscheinbaren Vorstadthaeuser, die Zypressen in der Via Torre Poggio, der blaue Himmel darueber und schließlich, am Ende der Straße auf der Kuppe des Huegels, das Farmhouse. Es ist fast schon wie heimkommen. An jeder Ecke, jeder Lavendelstaude kleben Erinnerungen der fuenf Wochen im Fruehsommer 2016, die ich hier verbracht habe. Es gibt viele Lavendelstauden und es gibt viele Erinnerungen. Diesmal bin ich keine Workawayerin, muss nicht Baeder putzen und Rasen maehen, sondern kann mich mit Chloe in die Sonne an den Pool legen. Ich schauen an meinen Zehen und dem Pool vorbei auf den Huegel gegenüber, wo das wunderbare, altbekannte Perugia-Panorama liegt. Huehner gackern, ab und zu schreit ein Esel, sonst ist es still. Das meiste ist gleich geblieben, aber einige Dinge sind anders. Die Besitzer des Farmhouse sind Eltern geworden. Maju, der Hund, der ein Baby war als ich im Farmhouse gearbeitet habe, ist jetzt dreimal so groß, es gibt neue Workawayerinnen und es ist Herbst geworden in Perugia - so gut wie. Ich denke an all die netten und interessanten Menschen, die ich hier kennengelernt habe - schoen waere es, sie alle im Farmhouse wiederzusehen. Schoen ist es auch so.






















Ich gehe altbekannte Wege: zum Supermarkt Conad, zur Bar Olimpia, wo mich die Kellner noch mehr oder weniger kennen und der Cappuccino um 1,10€ immer noch gleich gut schmeckt, zur anderen Bar, wo wie immer alle alten Maenner in Case Nuove versammelt sitzen und uns Fremde ungeniert anstarren, waehrend wir ein Eis bestellen. Auf Bonneggio, den Huegel gegenüber, wo immer noch niemand außer alten Menschen und riesigen, frei laufenden Hunden wohnt, durch dasselbe Tal, doch der Mohn ist schon lange verblueht und die Felder liegen brach. L'autunno sta per arrivare... Nach Perugia, wo dieselben Winde mir die Haare zerzausen, waehrend ich mich an denselben Aussichten nicht sattsehen kann. Perugia, eine wunderbare Stadt, winzige Gaesschen im Inneren und Weitblick am Rand. Hier koennte ich, denke ich, leben. Wer weiß... Am Abend sitzen wir mit anderen Backpackern im Farmhouse zusammen, trinken Wein und ich packe auch meine Ukulele aus. Wie frueher. Fast. Chloe und ich machen Spaziergaenge durch den Ort und die Felder und auch als es regnet, macht das nichts.
Ich lasse Chloe, das Farmhouse, Perugia und meine Erinnerungen etwas wehmuetig zurueck. Doch dass ich wiederkomme steht sowieso ausser Frage.

























BOLOGNA.

Mein Zug nach Bologna hat 50 Minuten Verspaetung, faehrt aufgrund von problemi tecnici nicht die direttissima, sondern sozusagen die via panoramica, wie mir mein Sitznachbar Gianluca erklaert. Er erzaehlt mir vom Studentenleben in Bologna, perfetta per gli studenti, meint er und fuegt hinzu, dass er froh sei, nicht nach Florenz gegangen zu sein.
Im normalen Lauf der Dinge, im Alltag, im Norden vergesse ich manchmal, warum ich Bologna mag. Aber nach den ersten Schritten vom Bahnhof Richtung Zentrum faellt es mir sofort wieder ein. Meinen Rucksack am Ruecken spuere ich kaum, ich gehe durch einen Bogengang nach dem anderen, was fuer eine faszinierende Stadt. Florenz, hat am Vormittag Sarah, eine Backpackerin aus Deutschland, gemeint, Florenz ist irgendwie dunkel, ein dunkles Braun, aber Bologna, Bologna ist rot. Sarah studiert Kunstgeschichte, aber ich muss keine Expertin sein, um sofort zu wissen, was sie meint. Ich esse ein Eis - eigentlich ist es zu kalt dafuer, bewoelkt und windig. Fuer ein paar Minuten sitze ich auf der großen piazza und beobachte all die verschiedenen Leute, die vorbeiflanieren. In einem grossen Bogen gehe ich durch noch mehr portici zurueck zum Bahnhof und singe dabei laut "Lasciatemi cantare" und "Bologna". Lasciatemi cantare perché ne sono fiera, sono un'italiana, un'italiana vera. Zumindest bin ich, finde ich, verhaeltnismaessig nah dran.
























Ich liebe dieses Gefuehl, alleine unterwegs zu sein, abzubiegen, wenn es mir gerade einfaellt, Dinge zu betrachten, stehenzubleiben, wo ich will, ganz alleine und nur fuer mich verantwortlich zu sein, wenn ich Bloedsinn mache, unorganisiert bin oder "falsche" Entscheidungen treffe. Ich nehme alleine so viel intensiver wahr und ein Reisegefaehrte kann noch so wunderbar sein - es ist nicht dasselbe. Ich bin nie so frei, wie wenn ich alleine fremde Orte erkunde. Diesen Unabhaengigkeitsdrang habe ich mir auf meinen Reisen des letzen Jahres angewoehnt. Und ich weiss nicht, vielleicht ist das purer Egoismus, aber ich glaube nicht, dass sich daran so bald etwas aendern wird. Wer gerne alleine reist, wird mich verstehen.




In der letzten halben Stunde im Zug nach Verona nehme ich die Kopfhoerer aus den Ohren und hoere stattdessen dem Zug beim Rattern zu. Wir fahren durch die Poebene, rundherum Gruen und grosse Felder. In Mirandola entdecke ich im Osten einen Regenbogen, er bleibt fuer mindestens 20 Minuten, waehrend im anderen Zugfenster die Sonne langsam untergeht. In Verona werde ich meine Eltern treffen. Ich schaue auf meinen bunt behaengten Rucksack mir gegenueber und muss schmunzeln. Wir haben einen ganz schoen weiten Weg hinter uns, denke ich. Schoen war's.



Endstation Garda-Meer...


...mit meinen Eltern
















ENDE GELAENDE

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