IGOUMENITSA – BARI.
Ich sitze auf einer Parkbank gleich hinter dem Hafen von
Igoumenitsa. Das Wort „ich“ zu schreiben, merke ich, fuehlt sich ungewohnt an.
Ich zu sein fuehlt sich ungewohnt an.
Die Sonne ist gerade untergegangen, zwischen mir und dem Hafenbecken ist das
Gebaeude des Terminals, doch ich sehe dahinter schwarzen Rauch aufsteigen – das
muss die Faehre nach Ancona sein, um 20:15. Annas Faehre. Anna sitzt auf einer Faehre
und ich sitze auf einer Parkbank (ohne Park). Ungewohnt fuehlt es sich an,
alleine zu sein, nachdem man zwei Wochen lang eine Reiseeinheit war,
zusammengeschweisst, mit vier Augen dasselbe gesehen, nebeneinander das gleiche
erlebt hat. Ich werde ein bisschen melancholisch an diesem Ort, der wirkt, als
waere er nur gebaut worden, damit der Hafen einen Namen hat. Wir waren ein
gutes Team, zweifellos, richtig gute Reisebuddies. Verunsichernd auch der
Gedanke, allein im Dunkeln auf die grosse Faehre zu gehen, ueber das Meer zu
fahren, womoeglich – wer weiss – in ein Unwetter zu kommen, allein. Doch ich
straffe die Schultern, scheuche die Moskitos weg, die schon wieder um meine
unbedeckten Knoechel kreisen und reisse mich zusammen. „Egal was kommt, es wirdgut, sowieso.“ Das Abenteuer geht weiter.
Spaeter. Dunkelheit durchdrungen von Hafenlaternen, gaehnend
riesige Schiffsbauchleere, ein einziger weiterer Rucksacktraeger, Schiff
schluckt LKWs, Autos, schluckt mich, bin im Schiff, bin am Schiff, open deck, Helikopterlandeplatz,
keine Liegestuehle, improvisiertes Bett aus zwei Plastikstuehlen, egal,
Hafenlichter, muede, muede, Blick verschwimmt, nichts, nichts. Aufschrecken,
Korfu, Kaelte, noch zwei Schichten Kleidung anziehen, Wahrnehmung verschwimmt
mit Kopfhoerermusik und Schiffsdroehnen zu nichts, nichts. Tropfen, Naesse im
Gesicht, Regen, schaukeln, Donnergrollen, Blitzlichter, schnell, Sack und Pack
ins Schiff, Donnerkrachen, Menschen ueberall verteilt auf Teppichbodenstiegen,
dazwischenlegen, Schnarchen, Regengetrommel ueber mir und Passengers Stimme in
den Kopfhörern, harter Boden, kalter Boden, egal, Wellen schwanken, Wahrnehmung
schwankt, nichts, nichts.
Ich wache auf. Es ist halb sieben – ich bin wieder einmal
unsicher, in welcher der Zeitzonen. Dass am ersten Reisetag meine Uhr den Geist
aufgegeben hat, wird seinen Sinn gehabt haben. Neben mir am Boden des Schiffes
liegt ein Mann, er schnarcht laut, scheint verkuehlt zu sein und wimmert im
Schlaf vor sich hin. Seine braunen Haare sind schulterlang; Jesus!, denke ich,
allerdings traegt er ein Nasenpiercing. Ob Jesus wohl auch so laut geschnarcht
hat, frage ich mich, waehrend ich ueber ihn steige, um zur Decktuer zu kommen.
Ich oeffne sie. Die Sonne strahlt mich an wie ein Scheinwerfer, waagrecht, und ein
Stueck hinter uns liegt wie eine Mauer die Unwetterfront auf dem Meer. Da sind
wir also durchgefahren, denke ich, und der Wind zerrt an meinen Haaren. Ich
steige ueber einige weitere am Boden liegende Passagiere, hole mir beim Buffet
ein ueberteuertes, koestliches Croissant und einen Tee und setze mich an die
Reling des offenen Decks, als einzige. Es ist jedes Mal dasselbe: an Land loest
der Gedanke, mit einem Schiff quer uebers Meer zu fahren ein etwas mulmiges
Gefuehl aus, aber wenn ich erst einmal an Deck sitze, liebe ich es. Am Horizont
erkenne ich ploetzlich etwas, Land in Sicht!, das muss bereits Italien sein.
Die restlichen drei Stunden faehrt meine Superfastferry parallel zur Kueste, ich lese weiter in The Old Man and the Sea und tausche
spaeter mit meinem einzigen Mit-Backpacker Reisegeschichten aus. Er heisst
Loren, kommt aus Kaliforniern, war zum Inselhopping in Griechenland und faehrt
von Bari aus weiter nach Florenz. Waehrend wir plaudern, legt das Schiff an,
wir steigen aus, gehen Richtung Zentrum und als ich auf einem Schilf an einer
abblaetternden Hausmauer „VENDESI“ lese, realisiere ich es ploetzlich –
Italien. Ich bin, wieder, in Italien.
BARI.
Was bleibt mir in Erinnerung von Bari? Eine Stadt des Suedens ist es, italienisch, aber auf eine andere Weise als ich es gekannt habe bisher. Die kleinen Gassen der Altstadt erinnern mich an Neapel, doch nein, Neapel ist viel duesterer, auch an Palermo, doch das ist viel ungeordneter. Bari ist endlose Meerpromenaden, Fischerkaehne und Segelbootmasten, ist winzig verwinkelte Altstadtgaesschen, Vorhaenge statt Wohnungstueren und davor Bewohner auf Plastikstuehlen, wenn es Abend wird. Marienbilder in jedem Winkel, die chiesa San Nicolo und Touristenschwaerme auf der piazza davor. Faehren, deren riesige Schornsteine die Hausdaecher ueberragen und Rauchwolken in den Himmel schicken, bevor sie die Adria kreuzen, Fiat 500, Maenner mit Sonnenbrillen in Hemden auf Vespas, italienischer Lifestyle. Palmen, Pinien und Platanen, deren Blaetter schon nicht mehr richtig gruen sind. Kaimauern, Ultramarin, gelaterias, bar e tabacchi. Der Weg, immer wieder, vom Bahnhof und meinem Hostel zum Meer, dazwischen grosskariertes Strassennetz. Graffitis mit herzzerreissenden Liebesbotschaften, Lucia 6 la migliora ti amo x sempre. Summende Menschenschwaerme in piazza am fruehen Abend und, sichtbar oder nicht, im Hintergrund immer das Meer.
Ich wohne im Hostel Blablabla Bari, das in einer Wohnung aus den 30er-Jahren einquartiert ist. Ich unterhalte mich mit ein paar netten anderen Gaesten, lerne eine Oberoesterreicherin kennen, die sogar im selben Zimmer schlaeft wie ich - lustig. Die Tage verbringe ich mit langen Spaziergaengen durch die Stadt und am Meer entlang, ich geniesse das Privileg, aufs Meer schauen zu koennen. Ich mache einen Ausflug nach Polignano al mare, bin enttaeuscht, zu oberflaechlich, touristisch, nichtssagend, fluechte zurueck nach Bari. Ueber Couchsurfing treffe ich Giuseppe, er verspaetet sich, erzaehlt wortkarg von Bari und seinem Leben, zeigt mir eine gute Gelateria und ist dann gleich wieder weg. Ich renne, wie so oft, zum Sonnenuntergang, ans Meer, verpasse ihn knapp, werde von Moskitos gestochen, gehe im Dunkeln zurueck ins Hostel. Wie viele Kilometer ich wohl gehe am Tag? Ich habe eine neue Blase am linken Fuss. Backpacker-Alltag ist, wenn einem abends die Fuesse wehtun. Hostel-Gespraeche und Recherchen fuellen, was vom Abend uebrig ist. Wohin, wohin als naechstes? Rom, jetzt schon? Oder doch noch nach Matera? Erste eine Stunde bevor der Zug faehrt, kann ich mich entscheiden - fuer Letzteres.
| eines der weniger romantischen Grafittis |
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