Ich sollte eigentlich ueber Bari schreiben, habe den Text noch lange nicht fertig, doch ich muss diesmal eine Ausnahme machen. Ich sitze in einem Café in der Altstadt von Matera. Rund um mich wird Englisch, Franzoesisch gesprochen, ich habe mir gleich gedacht, dass es sich um ein Touristencafé handelt, aber ich habe es in Kauf genommen. Wie immer habe ich meinen Cappuccino viel zu schnell hinuntergekippt, die leere Tasse steht neben meinem Notizbuch. Das Café hat trotz allem Atmosphaere, es wirkt, als haette man versucht, es zu renovieren und nach drei Stunden wieder aufgegeben. Der Kellner passt zur Einrichtung, ein frueh gealterter Endvierziger, der den Eindruck vermittelt, er muesse sich zu jedem Handgriff aufraffen - bestuende er aus Metall, seine Scharniere wuerden quietschen. Touristengruppen waelzen sich an mir vorbei ueber die kleine piazza, immer der Frau mit dem hoch erhobenen, knallorangen Regenschirm nach, ein alter Mann in einem Fiat Panda hupt und einige springen zur Seite. Eine ambulanza und die carabinieri fahren vorbei, die Sonne scheint mir auf den Ruecken, im Hintergrund eine uralt wirkende Kirche. Der Grund, warum ich nicht ueber Bari schreiben kann, ist Matera. Was fuer ein seltsamer, seltsamer Ort! Fuenf Minuten bin ich der unscheinbaren Gasse, in der mein Hostel liegt, gefolgt, keine sassi weit und breit seit dem Bahnhof, als ploetzlich die Gasse in eine piazza muendt, und da sind sie - i sassi di Matera. Alles, alles hier ist aus hellgrauem Stein, die Haeuser sind mit den Felsen verschmolzen, sind Auswuechse der Felsen. Fasziniert schaue ich auf das in Formen gegossene Grau unter blauem Septemberhimmel - so etwas habe ich noch nie gesehen. Eine seltsame Ruhe liegt ueber der Stadt, als wuerden, wenn die Touristen nicht waeren, nur mehr Steine und Stille bleiben. Mitschuldig daran ist sicher der bevorstehende Jahreszeitenwechsel - ich kenne diese Stimmung von Urlauben Anfang September mit meinen Eltern. Der Sommer liegt in den letzten Zuegen, die Sonne waermt nicht mehr ganz so sehr, nicht mehr ganz so lange. Es ist, wohl oder uebel, Zeit: der Sommer war sehr gross. Ich bezahle meinen Cappuccino und mache mich auf, meine Erkundungstour fortzusetzen.
Ein paart Stunden spaeter. Es ist dunkel geworden. Ein kreisrunder Vollmond und viele kleine Laternen beleuchten die Felsenstadt. Ich haette mich mit einer Bekannten aus dem Hostel treffen sollen, doch ich kann sie nicht erreichen und Wlan ist unauffindbar, weshalb ich alleine durch die Gaesschen spaziere. Bald bin ich von den bevoelkerten Flaniermeilen abgezweigt, viele, viele Stiegen hinauf und wieder hinungergestiegen, es ist leiser geworden um mich. Matera hat sich veraendert mit Einbruch der Dunkelheit, ueberall gaehnt Schwaerze hinter halb vernagelten Durchgaengen, Moskitos surren, ein Hund bellt irgendwo und Katzen werfen mir im Vorbeischleichen abschaetzige Blicke zu. Ohne Tageslicht, finde ich, merkt man der Stadt ihr wahres Wesen an - sie ist eine Wiederauferstandene. Wie Gefaengnisse wirken die oft mit Gittern versperrten Fenster der Haeuser im Fels und ich denke daran, dass dieser Teil von Matera bis vor 20 Jahren eine Geisterstadt war. Wie viele Menschen wohl in diesen Felsen gestorben sind, an Hunger, Armut, Krankheit? Die Kirchturmglocken einer nahen Kirche laeuten eine wehmuetige Melodie und ich wickle mich fester in meine Jacke. Genug Seitengassen fuer heute. Sollte ich jemals eine Schauergeschichte schreiben, denke ich, waehrend ich die Stiegen zurueck zum Zentrum hinaufsteige, dann wird sie in Matera spielen. In Matera bei Vollmond.
Den naechsten Morgen will ich nutzen, es ist ein strahlend schoener und ich gehe um acht aus dem Hostel, drei Stunden Zeit bis zu meinem Zug. Ich wuerde so gerne auf die andere Seite der Schlucht, die die Altstadt in Matera von den alten Hoehlen am Hang gegenueber trennt, doch ich habe kein Glueck - der einzige Weg auf die andere Seite ist seit zwei Monaten gesperrt. Ich muss wohl wiederkommen, beschliesse ich und umrunde stattdessen einmal die Altstadt. Ein alter Mann pflueckt reife Feigen von einem Baum am Strassenrand und schenkt mir eine davon. Ich wandere durch die Felsenstadt, treppauf, treppab, und schaue mir am anderen Ende ein improvisiertes Museum an, das ein weiterer alter Mann in einem noch deutlich älteren, ehemaligen Kloster eingerichtet hat. Si lavorava solo, sagt er nachdruecklich und schaut mich resigniert, vielleicht auch etwas traurig an, als ich ihn frage, wie das Leben so war in Matera in den 20er, 30er-Jahren. Si lavorava solo.
Auf der Rueckfahrt von Matera mache ich die Bekanntschaft von Salvatore. Devi ancora validare il biglietto!, macht er mich aufmerksam und so kommen wir ins Gespraech. Salvatore, stellt sich heraus, ist Kartograph. Wieder einmal so ein "Zufall". Er erzaehlt mir von der Geschichte Materas, einmal mehr hoere ich von Reichtum, darauf folgender bitterer Armut, der Raeumung und schliesslich der Neubesiedlung der Stadt vor zwanzig Jahren. Die Touristen kaemen allerdings erst seit vier, fuenf Jahren, seit die Stadt zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde. Auch er hat einmal Interrail gemacht, erzaehlt er, vor 15 Jahren. In Bari verabschieden wir uns, in bocca al lupo wuenscht mir Salvatore, viel Glueck. Zugbekanntschaften, denke ich, zaehlen doch immer wieder zu den interessantesten.
In Bari habe ich trotz den guten Wuenschen erst einmal Pech - der Zug nach Rom, den ich nehmen wollte, ist ausgebucht, der naechste braucht sechs Stunden, ich werde erst um 22:20 in Rom ankommen. Erst aergere ich mich ueber mich selbst, warum habe ich nicht einen Tag frueher reserviert? Doch schlussendlich bin ich froh ueber das Zeitloch. Ich trinke einen Cappuccino, stelle mich ein letztes Mal ans Meer und hole ganz tief Luft. Bis bald, Meer. Ich bin froh, dass ich mich gebuehrend verabschieden kann. Und schlussendlich fuehren bekanntlich alle Wege nach Rom - frueher oder spaeter.
ROMA.
Rom empfaengt mich mit Dunkelheit und als waere ich nicht schon weit genug gegangen an diesem Tag schickt mich Google Maps in die falsche Richtung (und nein, das ist keine faule Ausrede). Ich finde mein Hostel um kurz vor Mitternacht, nach einstuendiger Wanderung mit Rucksack durch unangenehm duestere Gassen, Dank eines sehr hilfsbereiten Kellners. So viele Schritte an einem einzigen Tag - ich falle erschoepft ins Bett.
Der folgende ist ein Spaetsommertag und unter Platanen, auf einer Bruecke ueber den Tiber treffe ich endlich Chloe wieder. Ueber ein Jahr ist es her, dass wir uns beim Reisen durch Italien kennengelernt haben und es ist mehr als passend, dass wir uns auch in Italien wiedersehen. Wir gehen und gehen durch die Stadt, durch das Viertel Trastevere, wo man auf den Strassen noch mehr Italiener trifft als Toursiten. Nach Ueberquerung des Kolluseums, wo sich Touristenscharen im Kampf um den besten Selfie-Spot gegenseitig ueberennen und am liebsten mit ihren Selfiesticks den Kopf einschlagen wuerden ist das genau, was ich brauche. Wir finden eine unauffaellige Bar an der Hauptstrasse durch Trastevere und trinken den unvermeidlichen Cappuccino. 1,10€ zahlt man hier dafuer. Irgenwann gehen wir weiter, gehen, gehen vorbei an alten Haeusern und Platanen, die uns einzelne Blaetter vor die Fuesse werfen, gehen zur Engelsburg, die Sonne waermt, ich trage Shorts, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Wir essen ein Tiramisù, das doppelt so viel kostet wie es sollte, man stellt uns aus Platzmangel einen Tisch mitten in den Eingang des Lokals. Ich spreche Italienisch mit den Kellnern, was geflissentlich ignoriert wird - have a seat-e, ruft man zuvorkommend. Wir gehen weiter, Zucker in unserem Blut, genug Zucker fuer drei Tage, mindestens. Wir gehen, gehen, ein paar Stiegen hinauf, durch einen vernachlaessigt wirkenden Park, vorbei an roemischen Ausgrabungen, die wie ueberall hier einfach am Wegesrand stehen. Nichts Besonderes. Ich war hier schon, vor drei Jahren, von der Kuppe des Huegels sehen wir die Stadt unter uns ausgebreitet daliegen. Wir gehen weiter, solvitur ambulando, habe ich gehört; es wird gelöst im Gehen. In Chloes Hostel essen wir Carprese, Brot und Oliven. Ich bleibe zu lange sitzen, die letzte direkte Strassenbahn ist abgefahren. Jetzt bin ich wirklich erschoepft, ich gehe, aber ich will eigentlich nicht mehr gehen, will irgendwo ankommen und die Fuesse hochlegen. Ich ueberquere die dunkle Piazza Venezia, im Bus zum Bahnhof Termini draengt eine Schulklasse herein, eine Wiener Schulklasse, 15-/16-jaehrige auf Klassenreise. Sie beanspruchen Raum und Sauerstoff, Oesterreichisch draengt in meine Gehoergaenge, ich will das nicht hoeren, verstoepsle meine Ohren mit Kopfhoerern, schliesse die Augen und atme flach. Eine U-Bahn-Fahrt, ein paar mehr Schritte - halb 12 ist es, als ich im Hostel ankomme. Ich falle, wieder, ins Bett. Solvitur ambulando, habe ich gehoert.
Ploetzlich ist der 8. September. Rom ist ein Zwischenstopp geblieben. Auf dem Weg zum Busbahnhof lese ich "Was ich in Rom sah und hörte" von Ingeborg Bachmann. Ich verstehe, was sie meint. Auch ich habe den gruenen Schlamm im Tiber gesehen, die grossen, herrschaftlichen Villen und SPQR (senat populusque romanum), gestempelt auf Busse, Schilder und Kanaldeckel, wie ein tag, als wolle die Stadt in sich selbst ihr Revier markieren. Ich habe ausserdem alte Steine gesehen und neue, hippe Cafés, ich habe Schatten gesehen, von huebschen Laternen auf mediterranen Hausmauern und einen alten Mann mit Baskenmuetze, der von seinem Fenster im zweiten Stock aus das Geschehen auf der kopfsteingepflasterten Gasse beobachtet hat. Ich habe Pinien und Zypressen gesehen und vereinzelt auch noch ein paar Palmen, ich habe Autolärm und Diskussionen auf Italienisch gehört und ich habe beschlossen, dass ich Rom mag. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen