Oft glauben wir, mit dem Namen gleichzeitig den Ort zu haben. Und oft sehen wir an Orten nur, was wir von ihnen wissen. So aehnlich hat Ingeborg Bachmann das formuliert, und Recht hat sie. Athen, Athen, ein Wort wie goldene Sonne auf jahrtausende altem Marmor, Athen, ein sehnsuechtiger Blick zum Meer am Horizont, Athen, Zypressen, blauer Himmel und die Luft voll Sueden und ganz, ganz viel Geschehenem. Athen, das kennt man, dazu hat man, hatte ich ein Bild ohne es je wirklich gesehen zu haben. Bei Orten mit Namen so grosser Aussagekraft gibt es nichts Unwirklicheres, als ploetzlich einfach dort zu sein.
Vom Bahnhof beschliessen wir, zu Fuss zum Hostel zu gehen und verirren uns, die Rucksaecke geschultert, erst einmal hoffnungslos. Eindruecke stuerzen auf uns ein, Farben, Gerueche, der Stadtteil, durch den wir gehen ist nicht, wie ich mir Athen vorgestellt habe, ist hinter der Kulisse, sieht aus wie irgendwo im nahen Osten. Niemand, wirklich niemand hier ist Grieche. Man ruft uns nach, will uns Sonnenbrillen, Teppiche, Handyhuellen verkaufen. An einer Kreuzung laeuft ein Mann an uns vorbei, Mafia! Mafia!!, ruft er wild gestikulierend. Wir schauen uns verwirrt an. Autos brettern mit Vollkaracho ueber die Strassen, ruecksichtslos, die Ampeln scheinen nur pro forma dazustehen, man muss selber schauen, wo man bleibt. Es stinkt, die Strassen wirken duester und verdreckt. Das also, das ist Athen? Irgendwann finden wir unser Hostel, ein Ruhepol im Chaos rundherum. Wir schlafen in einem Viererzimmer im 9. Stock, haben ein ensuite Bad und einen grossen Balkon, von dem aus man kilometerweit bis zu den Huegeln im Westen der Stadt sieht. Alles ist sauber, neu ausgestattet, Fruehstueck inkludiert, zentral gelegen - und das um 17€/Nacht. Irgendwann raffen wir uns auf und erkunden, landen natuerlich wieder bei einem Frappe im Kaffeehaus, schreiben und beobachten. Griechisch, beschliesse ich, kommt mir Spanisch vor. Ich kratze mich - nach dem 15. Gelsenstich habe ich aufgehoert, mitzuzaehlen. Anna hat einen. Mein Blut scheint auf dieser Reise besonders suess zu sein.
Spaeter schlendern wir durch touristische Einkaufsstrassen direkt unter der Akropolis, wir suchen den Eingang und als wir ihn finden, ist es 19:10. Um 20:00 schliesst die Akropolis, doch da man Studentinnen wie uns grosszuegigerweise den Eintritt erspart, hasten wir den Huegel hinauf, zwischen all diesen uralten Steinen, die uns nicht im WEg liegen, sondern ihn nur saeumen und ihre Aura von Geschichtlichkeit verbreiten. Vorbei an einem Amphietheater, wo Opernsaenger ihre Stimmen aufwaermen durch ein Tor, um die Kurve und dann liegt da ploetzlich ganz Athen unter uns, die Haeuser wie Kieselsteine ueber die Haenge verteilt und vor uns die Tempel der Akropolis. Gummisohlen der unzaehligen Touristenturnschuhe quietschen seltsam auf dem glatten Marmor. Es hoert sich falsch an, irgendwie, und am liebsten haette ich meine SChuhe ausgezogen, um barfuss weiterzugehen. Alle machen Fotos, wir auch, sehen die Haelfte des Sonnenunterganges durch die Kamera. Schoen ist er trotzdem. Um Punkt acht scheucht man uns den Huegel hinunter, Sperrstunde. Wir gehen wieder einmal aufs Geratewohl, haetten gegen Abendessen nichts einzuwenden und verirren uns ein zweites Mal im duesteren Gassengewirr, bevor wir endlich in einem kleinen Lokal den wahrscheinlich besten Gyros unseres Lebens essen. Wir atmen durch. In Volos haben wir uns eine neue Portion Abenteuer gewuenscht - wir sind uns einig, dass sich dieser Wunsch bereits erfuellt hat.
| supergstoerter-Socken-Donnerstag |
PIRÄUS.
Nach unserem zweiten, etwas ruhigeren Tag in der lauten
Grossstadt machen wir uns am Freitag auf Erkundungstour zum Hafen von Athen,
Piraeus. Auf diese Idee hat uns ein Lied gebracht: "Ein Schiff wirdkommen" heisst es da und auch wir wollen am Kai stehen und auf fremde
Schiffe warten. Natuerlich verschlaegt es uns zuerst in die falsche Richtung
und wir erkunden erst lange den weitlaeufigen Faehrhafen, der uebrigens auch
eine sehr interessante Atmosphaere hat, bevor wir die schoenen Ecken Piraeus'
finden. Irgendwann gehen wir eine Gasse hinauf, einfach weil sie uns richtig
vorkommt, und als wir oben ankommen ist da endlich, was wir schon die ganze
Zeit sehen wollen: Das offene Meer. Der suedlichste Punkt unserer Reise. Wir
sitzen auf einer Bank, hinter uns Palmen, zwanzig Meter unter uns ein kleiner
Strand und vor uns bis zum Horizont dunkelblaues Wasser. Links karge Berge und
die Auslaeufer der Stadt und auf dem Wasser, weit weg, ein paar verstreute
Segelboote. Natuerlich waren wir in Thessaloniki und Volos schon am Meer,
natuerlich war es auch dort schoen, aber beide Orte liegen in einem Golf und
wir sind froh, dass wir es heute noch geschafft haben, am Ende unseres
Blickfeldes einfach einmal nichts zu sehen. Auf einmal kommt mir ein Gedanke,
ich springe auf, reisse Anna mit, wir laufen die Stiegen zum Meer hinunter,
ziehen die Schuhe aus und stellen uns in die Wellen, die an den Strand rollen,
springen herum, werden nass, haben danach in den Socken Sand zwischen den
Zehen, aber das war es uns eindeutig wert. Am Rueckweg zur U-Bahn, die direkt
von Athen nach Piraeus faehrt, machen wir einen Umweg auf die Kuppe des
Huegels, auf dem die Stadt liegt und koennen von dort aus die Akropolis sehen.
Zurueck im Zentrum setzen wir uns in ein Lokal im Exarchia-Viertel, das ganz in
unserer Naehe gelegen, dabei aber um einiges schoener ist. Wir waeren wohl nie
hierhergekommen, wenn Tomke nicht vorgeschlagen haette, uns hier zu treffen.
Tomke und ich haben uns vor einem Jahr im Zugchaos auf Sizilien kennengelernt
und freuen uns beide dementsprechend als wir entdecken, dass wir durch Zufall
gleichzeitig in Athen sind. Ein schoener Abschluss fuer Athen und eine weitere
Facette dieser chaotischen Stadt. Wir bereuen eindeutig nicht, doch noch so
weit in den Sueden gefahren zu sein.
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