Seiten

Freitag, 20. Dezember 2019

dezember / wien

l u x u s g u t

An einem schwarzen Dezemberabend stand ich im Neonlicht eines Supermarktes. Es war ein Freitag, und die Schlange an der Kassa war lang. Zwei Frauen vor mir, eine junge und eine etwas ältere ganz vorne, hinter mir ein Student mit Bierdosen und Chips, ein ungeduldiger Mann, der sich vordrängte, ein Pärchen, zwei junge Mädchen. Die Schlange stockte, nichts bewegte sich. Alle dachten an die zweite Kassa. 

Der Grund für die Unterbrechung des Fließbandes: die erste Frau in der Schlange. Die Kassiererin zog eine große Flasche Eistee, eine Packung Eier, abgepacktes Toastbrot und eine eingedellte Avocado über den Scanner. Sieben Euro fünfunddreißig, sagte sie. Die Frau zählte Centmünzen von einer in die andere Hand. Dann wieder zurück in die erste Hand. Ihr Gesicht, das eingefallen wirkte und abgestumpft, regte sich nicht. Ein kurzes Kopfschütteln, dann sagte sie etwas zur Kassiererin, woraufhin diese nickte, auf den Bildschirm vor ihr tippte und die Avocado auf ein Regal hinter sich legte. Luxusgüter.

Die junge Frau vor mir hatte das Geschehene beobachtet, sie wirkte unruhig, zückte ihre Geldbörse, wollte irgendetwas sagen. Da hatte die andere Frau aber schon ihre Einkäufe und sich selbst zusammengerafft und war durch die automatischen Türen hinaus in die Schwärze gehuscht. Die junge Frau blickte ihr hinterher bezahlte ungeduldig eine Flasche Wein, ein Jogurt und eine Packung Reismilch, dann blickte sie die Kassiererin mit einer plötzlichen Entschlossenheit an. Ich nehm die Avocado auch noch, sagte sie, die da hinten, und deutete auf die eingedellte Frucht. Unwillig scannte die Kassiererin die Avocado zum dritten mal, die junge Frau zahlte und ging, rannte hinaus ohne sich umzublicken. 

Ich beeilte mich ebenfalls zu zahlen und trat kurz nach ihr ins Freie. Sie steckte die Weinflasche in ihre Manteltasche, nestelte an ihrem Radschloss, wobei sie fast den Jogurt fallen gelassen hätte, und radelte los. Fünfzig Meter weiter sah ich den Schatten der anderen Frau, dem sie sich näherte. Kurz bevor sie die andere erreichte sprang sie vom Rad, holte auf, die Avocado in der Hand. Entschuldigung, hörte ich sie sagen, und dann noch einmal, lauter, Entschuldigung. Da drehte sich die andere zerstreut um und sah sie an. Die junge Frau hielt ihr die Avocado hin, wortlos. Sie blickten sich an, blickten auf die Avocado, und auf einmal war das Gesicht der anderen Frau gar nicht mehr eingefallen. Es regte sich, es leuchtete und wurde überdeckt von einem Lächeln, das die Frau auf einmal schön aussehen ließ, und besonders, und stolz. Sie nahm der anderen die Avocado aus der Hand, danke, sagte sie, mit Nachdruck, mit Aufrichtigkeit und mit Wärme, die aus ihren Augen strahlte. Gern, sagte die andere, einen schönen Abend noch, und stieg aufs Rad. 

Wiedersehen, sagten sie beide. Und beiden, als sie sich voneinander wegdrehten, blieb das Lächeln der anderen auf den Lippen hängen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen