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Mittwoch, 15. August 2018

august / tirol

am see

ausatmen. luftblasen bahnen sich blubbernd ihren weg aus meinen nasenlöchern, verwirbeln mein sichtfeld. kaltes wasser strömt meinen rücken entlang, über meinen kopf, ich strecke die beine, die zehen stoßen ins nichts, das doch etwas ist und türkisblauen, kühlen widerstand bietet. 
einatmen. kopf aus dem wasser, ich sehe das andere ufer und ameisenmenschen, die darauf herumkrabbeln, sehe segelboote, die durch meine augenwinkel kreuzen, ein seltsam reales bild, das ich registriere, ohne es wirklich wahrzunehmen. meine arm zerschneiden wie mechanisch wassermoleküle - die segelboote gehören nicht zu meiner realität. 
meine realität ist türkisblaue kühle, ist die tiefe unter mir, in deren dunkelheit ich nicht hinabzuschauen wage, ist das ewige wiederholen derselben bewegungen, wieder und wieder, das einer meditation gleicht. ich schwimme durch den see, ich bin teil von ihm und doch ein fremder, wärmestrahlender körper in all dem türkis und all der kühle. ich schwimme und spüre meine wärme, spüre meine kraft, und spüre ihre endlichkeit. alles ist wasser, sonst ist nichts, alles ist bewegung, der rest ist belanglos. ich schwimme.
ausatmen. einatmen. ausatmen. bis irgendwann der schon fast verlorengeglaubte boden unter den füßen zu mir zurückkehrt.






...




An der Grenze
 
Es gibt Grenzen, und zwar nicht wenige, die einer Lineallogik folgen. Sie wurden feinsäuberlich und gerade auf großmaßstäbigen Karten gezogen. Den Stift führten resolute Bestimmerhände, die effizient waren, vehement und rational. Diese Grenze gehört nicht dazu. Ihre Logik ist die unbezwingbare des Reliefs, ihre verwackelte Linie folgt einzig der Topographie.
An dieser Grenze zwischen Österreich und Italien liegt, dahingewürfelt in einem schmalen, dunkel bewaldeten Tal, ein Ort. Hohe, schroffe Berge, mit Fichten wie mit einem Tuch bespannt, ragen auf rund um diesen Ort, der eigentlich ein Unort ist. Ein Unort ist er, weil sein einziger Zweck das Durchfahrenwerden ist. Seine Seele ist der Transit, seine Lebensadern sind die Bahngleise. Brennero – Brenner: ein Zwitterort, der nicht weiß, wo er hingehört, wo er sich einzuordnen hat, nicht einmal, welche Sprache er spricht. Die Häuser wirkten trostlos, ihr Anstrich ist verwaschen – es regnet oft, am Brenner. Resigniert scheinen sie, als hätten sie sich vor langer Zeit schon gewöhnt an die Chiuso / Geschlossen-Schilder an ihren Türen und in ihren Auslagen.
Sempre aperto ist nur das Brenner-Outlet, das kommerzielle Aushängeschild der Gemeinde und für die meisten der einzige Grund, hierherzukommen und dabei tatsächlich stehenzubleiben. Im Outlet herrscht dieselbe klimpernde Konsumfröhlichkeit wie in jedem anderen Einkaufszentrum, und am Wochenende wohl auch dieselbe rastlose Geschäftigkeit unter den zahlreichen Konsumierenden. Unter der Woche allerdings strahlen die bunten Schilder über den Eingängen fast nur pro forma. Herausgeputzt, adrett und unberührt hängen bunte Waren an ihren Gestängen: Wanderhosen, wasserabweisende Jacken, Laufschuhe und Sportbikinis.
Außerhalb des Outlets ist das zweisprachig Nichtssagende des Ortes fast ungestört. Nur die vereinzelten Bars lassen sich zuordnen – es wird italienischer Kaffee ausgeschenkt, es sind italienische Lokale auf nationalitätslosem Boden. Überhaupt weht das Italienische mit dem Föhn zusammen von Süden her ins Tal, viel  mehr als das Österreichische es durch das kurvige, steile Wipptal heraufschaffen würde.
Der Aufstieg zur Grenze ist steil, und noch steiler sind die Wände rundum. Ohne all die lärmende Infrastruktur wäre der Brenner nichts als ein abgeschiedenes, düsteres Tal in den südlichen Alpen. Ein Tal mit Wasserfall und Bergsee, mit undurchdringlich schwarzen Wäldern, schroffen Felswänden und hohen Gipfeln.
Ein schönes Tal, eigentlich.


 

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